Die russische Kohleindustrie tritt in eine Phase des systemischen Krisen ein, die nach Einschätzung der Marktteilnehmer selbst innerhalb der nächsten fünf Jahre zur Liquidation von bis zu 20 % der Produktionskapazitäten führen könnte. Dies erklärte der Generaldirektor und Miteigentümer der Gruppe „Elga“, Alexander Isaev, in einem Gespräch mit The Moscow Times, über das die RBC-Ukraine unter Verweis auf eigene Daten berichtet. Seinen Worten zufolge durchläuft die Branche einen strukturellen Umbau: Kleine Betriebe, die mit minderwertiger Kohle arbeiten, werden den Markt verlassen, während große Unternehmen, die über eigene Kohlevorbereitungskapazitäten verfügen, ihre operative Tätigkeit aufrechterhalten werden. „Wahrscheinlich werden 20 % der Kapazitäten geschlossen“, stellte Isaev fest und fügte hinzu, dass die Unternehmen bereits ernsthaft sparen, indem sie unter anderem die Kosten für die eigentliche Förderung senken, die derzeit nur noch 30 % der Gesamtkosten ausmachen.
Rekordverlust und Prognose für 2026
Das Ausmaß der Probleme in der Branche wird durch offizielle Zahlen bestätigt. Im Ergebnis des Jahres 2025 verzeichnete die russische Kohleindustrie einen Saldoverlust von 408 Milliarden Rubel – ein absoluter Rekord in der Geschichte der Branche. Ende März 2026 räumte der stellvertretende Energieminister Dmitri Islamow öffentlich ein, dass die Zahl der verlustbringenden Kohleunternehmen im Land „rasant wächst“. Die Regierung ihrerseits prognostizierte, dass sich der Gesamtverlust der Branche im Jahr 2026 um weitere 41 % auf 576 Milliarden Rubel erhöhen werde. Sollte sich die Prognose bewahrheiten, werden die russischen Kohleproduzenten im Dreijahreszeitraum 2024–2026 mehr als eine Billion Rubel verlieren.
Wer leiden und wer überleben wird
Nach Einschätzung von Isaev wird die Krise einen selektiven Charakter haben. In Gefahr sind vor allem kleine und mittlere Gruben, die wettbewerbsfähig nach Selbstkosten nicht konkurrieren können und keine vertikale Integration in Form eigener Kohlevorbereitung besitzen. Große Holdinggesellschaften nutzen den Moment hingegen zur Konsolidierung des Marktes: Die Schließung von Wettbewerbern erweitert ihren Anteil am verbleibenden Fördervolumen. In der Branche sind rund 150.000 Menschen beschäftigt, und die massenhafte Schließung von Betrieben wird zwangsläufig die soziale Lage in Monostädten betreffen, deren Wirtschaft vollständig an die Kohle gebunden ist.
Kontext: Die Krise geht über eine Branche hinaus
Der Kohleumbau vollzieht sich vor dem Hintergrund eines breiteren wirtschaftlichen Drucks. Ende August 2026 fiel die Benzinproduktion in Russland auf etwa 70 % des inländischen Verbrauchs nach einer Serie von Drohnenangriffen auf Raffinerien. Im Ergebnis des ersten Quartals 2026 schrumpfte das BIP Russlands um 0,3 %, während die Wirtschaft Weißrusslands um 0,4 % zurückging. Das abgeschlossene Jahr 2025 brachte weitere beunruhigende Signale mit sich: Die Ölpreise fielen auf ein Fünfjahrestief, und die Weltraumbranche kehrte nach mehreren Indikatoren auf das Niveau von 1961 zurück. Unter solchen Bedingungen befand sich die Kohle, die traditionell als „Reserveflughafen“ der Energiebilanz galt, selbst in der Risikozone.
Was kommt als Nächstes
Bisher hat die Regierung keinen öffentlichen Plan zur Restrukturierung des Kohlesektors vorgelegt. Unklar bleibt, ob Moskau die Schließungen über steuerliche und regulatorische Mechanismen anstoßen oder passiv auf die natürliche Selektion warten wird. Für die 150.000 Arbeitnehmer der Branche und Dutzende von Monostädten wird die Antwort auf diese Frage nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die soziale Trajektorie ganzer Regionen in den kommenden Jahren bestimmen.