Im Sommer 2024 gelangten über die Grenzen mehrerer europäischer Länder auf den ersten Blick gewöhnliche Pakete – Massagekissen und Kosmetik, in denen brennbare Vorrichtungen versteckt waren, die vom russischen GRU vorbereitet worden waren. Fast gleichzeitig brachen in Lagern und Transit­zonen der Flughäfen in Deutschland, Großbritannien und Polen Feuer aus. Laut Ermittlungen des Zentrums VSquare koordinierte der in St. Petersburg ansässige Unternehmer Andrei Baburow die Operation und schaltete per Fernsteuerung ehemalige Kameraden aus der sowjetischen Marine ein, die legal in den baltischen Staaten lebten. Nur ein Zufall verhinderte, dass die Vorrichtungen während des Lufttransports direkt in der Luft zur Explosion kamen – die Folgen eines solchen Anschlags wären für die europäische Luftfahrt verheerend gewesen. Einige der Ausführenden wurden festgenommen, die Organisatoren international zur Fahndung ausgeschrieben, doch der Präzedenzfall demonstrierte eindrucksvoll eine neue Realität: Moskau handelt immer umfassender und dreister.

Vom „Nowitschok“ zum industriellen Sabotage

Operationen russischer Geheimdienste auf europäischem Gebiet sind nichts Neues – der Kreml praktizierte sie selbst in „friedlichen“ Zeiten. Der bekannteste Fall bleibt bis heute das Giftattentat auf Sergei und Julia Skripal mit „Nowitschok“ in Großbritannien im Jahr 2018, nach dem fast den gesamten Europäischen Union eine Welle der Ausweisung russischer Diplomaten erfasste. Mit Beginn des großangelegten Einmarschs in die Ukraine stieg die Aktivität Russlands sprunghaft an: Zunächst setzte Moskau auf Spionage und Cyber­eingriffe. Im April 2024 dokumentierte die tschechische Regierung Tausende Versuche, die Alarmsysteme der nationalen Eisenbahn zu hacken; ähnliche Angriffe auf Logistiksysteme erfolgten in Deutschland. Bis 2025–2026 hatte die russische Sabotagetätigkeit ein neues Niveau erreicht und „industrielle“ Ausmaße angenommen, wobei die Hauptziele Lieferketten und Betriebe des europäischen Rüstungs­ und Verteidigungssektors waren.

Die Kette der Angriffe auf Rüstungsbetriebe: von Wales bis Estland

Im August 2026 wurden Sabotageversuche an den Anlagen des ukrainischen Drohnen­entwicklers Skyeton in der Slowakei und des estnischen Unternehmens Milrem Robotics, das Technik für die ukrainischen Streitkräfte produziert, festgestellt. Bereits zuvor hatte eine Welle von Vorfällen die Werke von BAE Systems in Wales, Diehl Metall in Deutschland und WB Electronics in Polen erfasst. Dies sind nur die bekanntesten Fälle: Dutzende weitere Vorfälle mit weniger auffälligen Folgen werden im laufenden Verfahren untersucht. Die Serie von Bränden und Sabotageakten, die sich auf Cyberangriffe und regelmäßige Verletzungen des Luftraums von NATO­Staaten durch russische Drohnen legt, stellt für Europa eine grundlegend neue Herausforderung dar, auf die der Kontinent nicht vollständig vorbereitet ist.

Polen: eine Statistik, die nicht nachlässt

Der Sprecher der Nationalen Staatsanwaltschaft Polens, Przemysław Nowak, erklärte auf Anfrage von RBC­Ukraine, dass allein im System der Zentralstaatsanwaltschaft des Landes im Jahr 2025 67 Strafverfahren nach Artikel 130 des polnischen Strafgesetzbuchs (Spionage und Tätigkeit zugunsten eines ausländischen Geheimdienstes) eingeleitet wurden. 2026 hält die Dynamik an: In acht Monaten eröffneten die Strafverfolgungsbehörden mindestens 40 neue Verfahren. Eine einfache Extrapolation zeigt, dass 2026 bei diesem Tempo rund 60 neue Fälle ergeben könnten. Ein erheblicher Teil dieser Fälle betrifft genau die Vorbereitung von Sabotageakten, die Fernanwerbung und die Sammlung von Daten über militärische Objekte. Wichtig ist, dass diese Statistik ausschließlich Fälle höchster Komplexität umfasst, die von der Nationalen Staatsanwaltschaft bearbeitet werden; unter Berücksichtigung der Ermittlungen der Bezirksstaatsanwaltschaften ist das tatsächliche Ausmaß der russischen Aktivitäten noch größer.

Die zurückhaltende Reaktion Europas und die ukrainische Erfahrung

Trotz der wachsenden Ausmaße der Angriffe bleibt die offizielle Reaktion Europas auf die russische Sabotagekampagne zurückhaltend. Kein EU­Land hat systematische Maßnahmen ergriffen, die dem Ausmaß der von den nationalen Staatsanwaltschaften und Geheimdiensten festgestellten Bedrohungen entsprechen. In dieser Situation verweisen Analysten immer häufiger auf die ukrainische Erfahrung im Umgang mit Sabotage­ und Spionagegruppen: Ein mehrstufiges System von Informanten, die operative Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Staatsanwaltschaft sowie die öffentliche Demonstration von Festnahmen erzeugen eine Abschreckungswirkung, die in Europa bislang nicht aufgebaut wurde. Derweil setzt Moskau die „industriellen“ Kapazitäten des Sabotages weiter aus, indem es Ausführende per Fernanwerbung einstellt und eine verschleierte Logistik­kette nutzt, was jede einzelne Ermittlung für die europäischen Strafverfolgungsbehörden äußerst schwierig macht.