Der russische Verkehrsminister Andrei Nikitin erklärte am 10. September, dass Moskau Hanoi Vorschläge zur Unterzeichnung eines Abkommens über das sogenannte „Wet-Leasing“ von Luftfahrzeugen übermittelt habe. Dieses Format sieht die Überlassung von Flugzeugen an einen russischen Betreiber zusammen mit den Besatzungen und der technischen Wartung vor. „Wir haben unseren Kollegen die entsprechenden Vorschläge übermittelt, sie prüfen sie derzeit“, erklärte Nikitin nach den Gesprächen der russischen und vietnamesischen Delegationen in Moskau. Vietnam ist zu einer der prioritären Richtungen geworden, doch laut aktuellen Angaben wurde noch kein solches Abkommen mit einer ausländischen Fluggesellschaft unterzeichnet.
Was ist „Wet-Leasing“ und warum braucht Russland es
„Wet-Leasing“ (Nassleasing) ist eine Form der Miete von Luftfahrzeugen, bei der der Vermieter das Flugzeug zusammen mit der Flug- und Technikbesatzung überlässt und sich zudem um Wartung und Versicherung kümmert. Für russische Fluggesellschaften ist dieses Format praktisch die einzige legale Möglichkeit, den Fuhrpark ohne den Kauf neuer Maschinen zu ergänzen. Der Bedarf an zusätzlichen Flugzeugen entstand nach der Einführung internationaler Sanktionen: Russische Betreiber haben keinen Zugang zum Erwerb von Boeing- und Airbus-Maschinen mehr und stoßen auf strenge Einschränkungen bei der Reparatur dieser Flugzeuge und der Lieferung von Ersatzteilen. Ausländische Luftfahrzeuge machen rund zwei Drittel des zivilen Flugzeugparks Russlands aus und bedienen etwa 90 % des Passagieraufkommens, weshalb ihre Nichtverfügbarkeit die gesamte Branche trifft.
Umfang der stillgelegten Flotte
Laut Berechnungen der Zeitung „Kommersant“ waren im Sommer 2026 130 von 673 Flugzeugen der elf größten russischen Fluggesellschaften, auf die mehr als 90 % des Passagierverkehrs entfallen, außer Betrieb. Zum Vergleich: Als normal gilt ein gleichzeitiger Stillstand von bis zu 10 % der Flotte wegen planmäßiger Wartung. Der aktuelle Stillstand übersteigt die zulässigen Parameter daher um ein Vielfaches und belegt einen systemischen Mangel an Ersatzteilen und Serviceunterstützung.
Rechtsgrundlage und weitere Partnerländer
Die rechtliche Grundlage für ausländische Geschäfte wurde im April 2025 gelegt, als der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret unterzeichnete, das russischen Fluggesellschaften die Miete von Flugzeugen bei ausländischen Unternehmen im Rahmen eines „Wet-Leasing“ erlaubt. Zuvor war dieses Format ausschließlich zwischen russischen Betreibern und nur für Inlandsflüge verfügbar. Neben Vietnam führt Moskau Verhandlungen mit einer Reihe anderer Staaten: Ländern Zentralasiens, Katar, Kuwait und Äthiopien. Allerdings, wie Nikitin betont, hat sich bislang keine dieser Richtungen in einen unterzeichneten Vertrag gemündet.
Widersprüchliche Daten
Zwischen der formellen Genehmigung vom April 2025 und den praktischen Ergebnissen besteht ein erheblicher Abstand: Nach mehr als 17 Monaten wurde noch kein „Wet-Leasing“-Abkommen mit einem ausländischen Betreiber geschlossen. Äthiopien hat beispielsweise im Sommer 2025 einen russischen Vorschlag abgelehnt und sich auf das Fehlen von Befugnissen der Regierung berufen, Ethiopian Airlines zur Überlassung von Flugzeugen zu verpflichten. Darüber hinaus äußern potenzielle Partner Bedenken hinsichtlich möglicher Sekundärsanktionen der USA, was die Verhandlungen äußerst heikel macht. Obwohl also der rechtliche Rahmen existiert, bleiben die tatsächlichen Geschäfte vorerst auf der Ebene „geprüfter Vorschläge“ und nicht unterzeichneter Verträge.
Auswirkungen auf den Markt und die „Aeroflot“-Aktien
Angesichts der laufenden Verhandlungen und der anhaltenden Unsicherheit bei der Wartung des Fuhrparks zeigen die Aktien des russischen „Aeroflot“ Volatilität. Kürzlich fielen die Kurse des Unternehmens um mehr als 5 % nach einer öffentlichen Warnung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Fluggesellschaften, die weiterhin Flüge im Luftraum Russlands durchführen. Die Investoren berücksichtigen somit sowohl Sanktionsrisiken als auch die geopolitische Instabilität, die sich auf die operative Tätigkeit der größten Betreiber auswirkt.