Noch vor der TikTok-Ära entstanden ukrainische Memes oft völlig zufällig: Dem einen reichte ein einziges emotionales Straßeninterview, dem anderen ein paar Sekunden im Fernsehen, und wieder ein anderer sagte einfach einen Satz, den dann das ganze Land nachplapperte. Ihre Gesichter und kurzen Videos verbreiteten sich in den sozialen Medien schneller als Nachrichten, und ihre Sprüche wurden Teil der Internetkultur. Das Projekt Styler (RBC-Ukraine) hat solche Helden zusammengetragen und herausgefunden, was nach ihrem wahnwitzigen Ruhm mit ihnen geschah: Einige versuchten, zu einem normalen Leben zurückzukehren, andere landeten schon wegen völlig anderer Ereignisse wieder im Nachrichtenfeld, und ihre alten Clips lebten weiter – getrennt von ihren Protagonisten.

Vom Straßeninterview an die Front: Iwan Martynow

Iwan Martynow aus Riwne wurde bereits 2014 nach einem spontanen Straßeninterview bekannt. Den Zuschauern blieben seine emotionale Art und der Satz „Das ist eine Ekeligkeit“ im Gedächtnis, der den Mann schnell zum Helden des ukrainischen Internets machte. Damit war seine Geschichte jedoch nicht zu Ende: Nach Beginn der großangelegten Invasion kämpfte Martynow in der ukrainischen Armee – in der 68. separaten Jägerbrigade diente er als Oberstürmenschütze und Sanitäter. So wurde aus dem Menschen, den die Ukrainer vor allem aus dem Mem-Video kannten, ein Soldat. Laut Styler wurde 2023 bekannt, dass Martynow auch geheiratet hatte.

„Naryetsya, jak wono horit“: Der Weg von Witalij Tschepurko

Witalij Tschepurko wurde durch ein Video von seiner Festnahme berühmt, in dem er mit extremer Gelassenheit von Bränden erzählte. Gerade seine Sprechweise und Sätze wie, es sei ihm „egal, wie es brennt“ (ukrainisch: „naryetsya, jak wono horit“), machten die Aufnahme viral. Jahre später tauchte Tschepurko aus einem anderen Grund wieder in den Nachrichten auf: Im Januar 2026 wurde berichtet, dass er zur ukrainischen Armee einberufen wurde und eine Ausbildung absolvierte. Doch diese Geschichte hat kein einfaches Ende – im Mai 2026 wurde bekannt, dass der Soldat nach eigenmächtigem Verlassen der Einheit festgenommen wurde, und laut ukrainischen Medien wurde ihm zudem öffentliche Drohung und Aufforderung zur Gewalt vorgeworfen. Meme-Ruhm bedeutet offenbar keineswegs, dass das weitere Leben eines Menschen so leicht und vorhersehbar ist wie in einem mehrminütigen Video.

„Ich will eine Schokolade“: Isaak Welitschko

Isaak Welitschko wurde noch als Kind durch seine Teilnahme an der TV-Show „Kochana, my wbywajemo dijej“ (Liebste, wir töten Kinder) berühmt. Genau dort stammt sein emotionaler Ausruf über die Schokolade, der zu einem der bekanntesten ukrainischen Memes wurde. Doch Welitschko blieb nicht der „Junge aus dem Meme“: 2016 war er in „MasterChef Kinder“ zu sehen, befasste sich anschließend mit Robotik und studierte an der Nationalen Universität Tschyhyryn. 2025 entstand um ihn herum eine weitere große Affäre, verbunden mit der Verbreitung unzuverlässiger Informationen über sein Schicksal an der Front, die ukrainische Medien widerlegten.

Widersprüchliche Angaben

Um Isaak Welitschko entstand 2025 eine Situation mit direkt gegensätzlichen Versionen. Auf der einen Seite verbreiteten russische Quellen die Information über einen angeblichen Tod Welitschkos an der Front. Auf der anderen Seite widerlegten ukrainische Medien diese Information und bestätigten, dass der Mensch lebt und sein weiteres Leben nicht mit Kampfhandlungen zu tun hat. So koexistierten im öffentlichen Raum zwei unvereinbare Versionen, und der Faktencheck ukrainischer Verlage wurde zur Grundlage, die Version vom Tod als unzuverlässig einzustufen. Dieser Fall zeigt eindrucksvoll, wie ein Meme-Bild eines Menschen in von der Realität losgelösten Informationsmanipulationen verwendet werden kann.

Beamte, die Teil der Meme-Kultur wurden: Klitschko und Kim

In der Auswahl nehmen jene einen besonderen Platz ein, die nie das Held eines einzigen zufälligen Videos waren. Die Sätze des Kiewer Bürgermeisters Witali Klitschko über heißes Wasser, den „morgenigen Tag“ und andere städtische Probleme haben sich so fest im ukrainischen Gemüt verankert, dass viele sie als eigenes Genre wahrnehmen; dabei arbeitet Klitschko weiterhin als Bürgermeister der Hauptstadt, und seine alten Zitate kehren von Zeit zu Zeit in den sozialen Medien als fertige Meme-Vorlagen zurück. Im Gegensatz zu vielen zufälligen Helden viraler Clips wurde er faktisch selbst zum Teil der ukrainischen Meme-Kultur. Eine ähnliche Geschichte hat der Beamte aus Mykolajiw, der bis zum 24. Februar 2022 vor allem in Mykolajiw und der Oblast bekannt war: Nach Beginn der großangelegten Invasion machten seine täglichen Appelle ihn zu einem der bekanntesten ukrainischen Beamten. Er begann sein Video-Appell mit den Worten „Dobroho wetschira, my z Ukrainy!“ (Guten Abend, wir kommen aus der Ukraine!), erklärte, er habe diese Phrase aus einem Lied übernommen, und in den ersten Kriegstagen grüßten sich damit einfach Soldaten, Strafverfolger und Einwohner der Oblast. Die Phrase wurde zu einem der Symbole des ukrainischen Widerstands, und populär gemacht wurde sie auch durch den vor einigen Jahren erschienenen gleichnamigen Track von PROBASS ∆ HARDI. Dank seiner ruhigen Sprechweise in den schwersten Momenten erhielt er im Netz den Ruf eines eigentümlichen „Beruhigers“, dessen Videos man erwartete, zitierte und in Memes verwandelte. In Erinnerung bleibt auch die Lehrerin Olcha Chodos aus Woltschansk, die im selben Stil ins öffentliche Feld trat und ihren Auftritt in der Show „Ukraina maje talent“ (Die Ukraine hat Talent) der zerstörten Stadt widmete.