Die Pressestelle der schwedischen Luftwaffe hat eine Videoaufnahme veröffentlicht, auf der der erste in der Geschichte des Landes start einer Taurus-KEPD-350-Kursrakete vom Kampfjet Saab JAS 39 Gripen C festgehalten wurde. Das Ereignis markiert eine Schlüsselphase in der Transformation der schwedischen Streitkräfte: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten demonstriert Stockholm die Fähigkeit, Luftangriffe über große Distanzen durchzuführen, was zuvor aufgrund der jahrelangen Neutralitätspolitik, die während des Kalten Krieges und Anfang der 2000er-Jahre verfolgt wurde, nicht möglich war. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie die Rakete vom Unterflügel-Tragbügel abgetrennt wird und in einen horizontalen Flug übergeht, was die Funktionsfähigkeit des Systems „Flugzeug – Waffe“ bestätigt.
Von der Neutralität zur Fähigkeit zur Langstrecken-Luftunterstützung
Bis zum Beitritt zur NATO und der anschließenden Umstrukturierung der Verteidigungsdoktrin hatte Schweden seinen Arsenal bewusst auf taktische Mittel zur Zerstörung mit kurzer und mittlerer Reichweite beschränkt. Die Neutralitätspolitik schloss die Notwendigkeit von Luft-Boden-Kursraketen mit einer Reichweite von mehreren hundert Kilometern aus. Die Änderung der strategischen Ausrichtung und die Integration in den Bündnis öffneten den Weg für den Kauf und die Integration von Waffen, die zuvor für die schwedische Luftwaffe nicht verfügbar waren. In diesem Kontext haben die Tests von Taurus mit dem Gripen C nicht nur technische, sondern auch geopolitische Bedeutung: Schweden geht von der Verteidigung des Perimeters über zu der Möglichkeit, Macht auf erhebliche Distanz zu projizieren.
Taurus KEPD-350: Technische Merkmale und Varianten
Die Taurus KEPD-350 ist eine Langstrecken-Luft-Boden-Kursrakete, die gemeinsam von Deutschland und Schweden entwickelt wurde. Ihr Hersteller ist die Taurus Systems GmbH – ein Joint Venture der deutschen MBDA Deutschland und der schwedischen Saab Bofors Dynamics AB. Die Abkürzung KEPD steht für „kinetische Energie Penetrating and Destroying“ (kinetische Energie durchdringend und zerstörend). Die offiziell angegebene Reichweite der Serienvariante beträgt 500 km, die Reisegeschwindigkeit liegt bei 0,6–0,9 Mach. Die Lenkung erfolgt über ein kombiniertes System: Trägheitsnavigation, Satellitenreferenz (GPS/GLONASS) und Korrelation mit dem Geländeprofil, was die Rakete gegenüber elektronischem Störsignalen widerstandsfähig macht. Auf Basis der KEPD-350 wurden mehrere Varianten entwickelt: die leichtere KEPD-350L, die modulare MP mit veränderbarer Nutzlast, Versionen zur Bekämpfung verteilter Ziele und zur Aussetzung elektronischer Systeme sowie die Taurus T, die für den Start von Transportflugzeugen C-130 und A400M angepasst wurde. 2024 stellte der Hersteller die Taurus Neo mit einem überarbeiteten Lenksystem und größerer Reichweite vor. In Europa ist die Rakete bereits bei den Kampfjets Tornado, Eurofighter Typhoon und F/A-18 Hornet im Einsatz.
Chronologie der Integration: Von den 2000er-Jahren bis 2028
Die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Saab und Taurus Systems reicht bis in die Anfangs der 2000er-Jahre zurück, als einer der Gripen-Kampfjets als Testplattform im Rahmen des Raketenentwicklungsprogramms verwendet wurde. Dennoch hat die schwedische Regierung in der Anfangsphase Taurus nicht in das Standardwaffensystem des Gripen aufgenommen, obwohl Saab Bofors Dynamics einer der Gründer der Taurus Systems GmbH war. Der Wendepunkt kam im Februar 2025, als das Magazin Military über die Pläne Stockholms berichtete, Taurus KEPD-350 für die Gripen-C-Kampfjets zu kaufen und zu installieren. Ab Dezember 2025 hat das Saab-Konsortium gemeinsam mit dem schwedischen Verteidigungsministerium und dem Verteidigungsausrüstungsamt (FMV) den Integrationsprozess beschleunigt. Der Befehlshaber der schwedischen Luftwaffe, Generalmajor Jonas Wikman, erklärte, dass der Fortschritt erheblich schneller voranschreitet als ursprünglich geplant, und das Programm soll voraussichtlich bis 2028 betriebsbereit sein. Konkrete Zeitpunkte nannte er nicht und verwies auf die vertrauliche Natur der Arbeiten. Das Unternehmen Saab erhielt den Auftrag, sowohl den Gripen C als auch den Gripen E für den Einsatz der neuen Waffe zu modernisieren; zunächst soll eine kleine Anzahl von Gripen C für den Kampfeinsatz mit dem Taurus-Raketensystem angepasst werden.
Widersprüchliche Daten
In den öffentlichen Quellen gibt es Abweichungen in der Formulierung der Zeitrahmen für die vollständige Integration. Einerseits wird in der Beschreibung der Tests angegeben, dass „neue Tests die vollständige Integration der Rakete bis 2028 im Rahmen des Gripen-Modernisierungsprogramms gewährleisten werden“. Andererseits sprechen detailliertere Daten davon, dass die ersten Kampfjets (Gripen C) bis 2028 mit Trägersystemen für die Raketen ausgestattet werden, während die vollständige Integration von Taurus in die Konfiguration Gripen E Block 4 (Bezeichnung MS23) für 2033 geplant ist. Damit bezieht sich das Jahr 2028 wahrscheinlich auf die betriebsbereite erste Charge von Gripen C, während 2033 den Abschluss der großmaßstäblichen Integration in die spätere Modifikation markiert. Generalmajor Wikman gibt die genauen Daten bewusst nicht bekannt, was Raum für Interpretation lässt. Beide Versionen schließen einander nicht aus, erfordern jedoch eine Klärung durch das schwedische FMV.
Strategischer Kontext und Bedeutung für die Region
Die Einführung von Taurus an den Gripen C und E verändert das Kräfteverhältnis in Nordeuropa erheblich. Die Möglichkeit, Präzisionsangriffe auf Distanzen von bis zu 500 km (und in der Taurus-Neo-Variante auf noch größere Entfernungen) durchzuführen, ermöglicht es Schweden, auf die operative Lage einzuwirken, ohne die Kampfjets in Zonen zu entsenden, in denen sie für die feindliche Luftverteidigung verwundbar sind. Für die NATO stärkt dies den östlichen Flügel des Bündnisses und schafft einen zusätzlichen Abschreckungsfaktor. Für die Ukraine insbesondere wird die schwedische Integration von Taurus an den Gripen als potenzielle Quelle für die Lieferung von Langstrecken-Kursraketen in mittelfristiger Perspektive betrachtet, obwohl es bislang keine offiziellen Erklärungen zur Übertragung von Waffen gab. Der nächste erwartete Schritt wird die Demonstration von Starts von modernisierten Gripen E sein, die laut Plänen von Saab und FMV im Rahmen des MS23-Programms bis 2033 erfolgen soll.