Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in seinem Telegram-Kanal eine zweifache Botschaft übermittelt: Einerseits ist Kiew bereit, auf russische Angriffe auf die zivile Energieinfrastruktur in der kalten Jahreszeit symmetrisch zu reagieren, andererseits schlägt er einen mehrstufigen Verhandlungsmechanismus für eine schrittweise Beendigung der Kampfhandlungen vor. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf direkte Aussagen des Staatsoberhaupts.
Symmetrische Antwort auf Angriffe auf das Energiesystem
Selenskyj betonte, dass die Ukraine „gelernt hat, Möglichkeiten zu finden, um russische Operationen würdig zu beantworten“, und wenn der Gegner darauf aus ist, die zivile Infrastruktur zu treffen, werde er „entsprechende Gegenmaßnahmen“ erhalten. „Wenn sie uns Blackouts zufügen, werden wir versuchen, würdig zu antworten“, erklärte der Präsident mit Bezug auf den Winter, in dem die Belastung der Stromnetze am höchsten ist und die Folgen von Stromausfällen für die Bevölkerung am kritischsten sind.
Schrittweiser Verhandlungsweg als Alternative
Gleichzeitig erinnerte Selenskyj daran, dass Kiew konsequent eine Alternative zum militärischen Szenario unterstützt – Verhandlungen über das Ende des Krieges. Seinen Worten zufolge sollten die internationalen Partner, wenn es ihnen schwerfällt, einen gemeinsamen Ansatz gegenüber Moskau für eine vollständige Beendigung der Kampfhandlungen zu finden, schrittweise vorgehen. Dieses Format ermöglicht es nach dem Konzept von Kiew, die diplomatische Spur nicht zu blockieren, selbst wenn die Seiten nicht zu einem umfassenden Abkommen bereit sind.
Gefangenenaustausch und Rückkehr von Bürgern
Einen besonderen Schwerpunkt legte der Präsident auf die Notwendigkeit, Gefangenenaustausche fortzusetzen und Zivilisten, einschließlich Journalisten und ukrainischer Kinder, die sich in Russland befinden, zurückzuholen. Selenskyj bezeichnete diese Richtung als „außerordentlich wichtig“ und erklärte, die Seiten sollten auf die Durchführung eines dreiseitigen Treffens zusteuern, der eine Plattform für die Koordination humanitärer Schritte bieten könnte.
Zeithorizonte und internationaler Druck
Der Präsident merkte an, dass erste Ergebnisse auf dem Weg zum Frieden möglicherweise bereits Ende September erzielt werden. Die ukrainische Seite rechnet mit wichtigen Treffen mit amerikanischen Beamten Ende des Monats. Gleichzeitig hält Selenskyj einen wesentlichen Fortschritt im Friedensprozess vor den Wahlen zur russischen Staatsduma für unwahrscheinlich. Kiew fordert das internationale Gemeinschaft zugleich auf, den Sanktionsdruck auf Moskau zu erhöhen und die militärische Unterstützung der Ukraine zu verstärken, um „dem Aggressor kein Gefühl der Straflosigkeit“ in der kalten Jahreszeit zu verschaffen.
Widersprüchliche Angaben
In offenen Quellen ist eine Entwicklung der Verhandlungsformate festzustellen: Zuvor (Frühjahr 2025) wurde ein Treffen in Istanbul diskutiert, im Februar 2025 erkannte Kiew die Verhandlungen in Saudi-Arabien nicht an, und in nachfolgenden Aussagen (auch durch den Berater Podolyak) wurden drei konkrete Waffenstillstandsformate genannt. Die aktuelle Position Selenskyjs zum „schrittweisen“ Weg widerspricht diesen Angaben nicht, zeigt aber, dass es derzeit keinen mit Russland abgestimmten Mechanismus gibt und jede Initiative auf der Stufe eines Vorschlags Kiews bleibt.