Die Werchowna Rada der Ukraine hat ein zweites Mal keinen Gesetzentwurfskomplex unterstützt, dessen Annahme den Weg zu etwa 30 Milliarden US-Dollar vom Internationalen Währungsfonds (IWF) freigemacht hätte. Dies erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer abendlichen Videoansprache in Telegram, wie RBC-Ukraine berichtet. Der Staatschef bezeichnete das Scheitern der Abstimmungen als unerfüllte Pflicht der Abgeordneten gegenüber dem Land und betonte, dass der Beginn des Herbstes unter Kriegsbedingungen ein Zeitfenster darstelle, um „das Nötige für den Winter fertigzustellen“: das laufende Jahr zu überstehen, in das nächste einzutreten, die Verteidigung, die Sozialleistungen und das ordnungsgemäße Funktionieren des Staates „trotz aller Umstände“ zu gewährleisten.
Scheitern der Abstimmungen: Was in der Rada nicht verabschiedet wurde
Laut zuvor von RBC-Ukraine veröffentlichten Daten hat die Rada ein zweites Mal die Gesetzentwürfe Nr. 15460 und Nr. 15112d nicht unterstützt, die die Abschaffung der Befreiungen für Pakete im Wert von bis zu 150 Euro vorsehen. Für die Annahme dieser Beschlüsse reichten die Stimmen nicht aus: „Dafür“ stimmten 194 Volksabgeordnete bei den erforderlichen 226. Zudem unterstützte das Parlament nicht die Bildung einer beratenden Expertengruppe, die Kandidaten für sechs vakante Stellen der Mitglieder der Rechnungshofes auswählen sollte. Die Umsetzung dieses Beschlusses ist eine der Bedingungen für die Finanzierung der Ukraine durch die EU und gehört zu den Verpflichtungen im Rahmen des IWF-Programms.
Ansprache Selenskys: „Über Wahlen denken Sie nach dem Krieg nach“
In der Ansprache erklärte der Präsident, dass alle Beschlüsse, die auf Vereinbarungen mit den Partnern der Ukraine beruhen, verabschiedet werden müssen, auch wenn sie unpopulär sind, da sie „der Ukraine helfen, diese Zeit zu überstehen – die Zeit des Krieges, die Front zu versorgen, den Schutz der Menschen zu gewährleisten, die Sozialleistungen sicherzustellen“. Er fügte hinzu, dass die für die Beziehungen zur EU notwendigen Gesetze von allen Fraktionen und Gruppen unterstützt werden müssten, die für die Europäisierung eintreten: „Gegen zu stimmen oder viel über Europa zu reden und nicht für Europa zu stimmen – das ist unfair. Und neben der Unfairness ist es jetzt auch noch gegen den Staat.“ Selenskyj warnte zudem, dass, wenn jemand bereits „Wahlen will und über Umfragen und seine politischen Vorteile nachdenkt“, dies „nicht der richtige Zeitpunkt“ sei, und rief auf: „Heute muss man ausschließlich darüber nachdenken, was für die Verteidigung, für die Arbeit des Staates, für die Auszahlungen an die Menschen nötig ist. Über Wahlen denken Sie nach dem Krieg nach. Man muss über die Entscheidung für 30 Milliarden Dollar abstimmen“.
Finanzarchitektur: 15 Mrd. USD von der Regierung und 15 Mrd. USD vom Parlament
Der Präsident verteilte die Verantwortung für die Mittelbeschaffung auf die Ebenen der Macht. Laut seinen Worten wird ein Teil der Mittel von den Partnern durch einen Beschluss der Regierung freigegeben: „Dafür sind 44 Beschlüsse nötig, und das werden 15 Milliarden Dollar“, und die Regierung werde, wie er versicherte, die Verabschiedung dieser Beschlüsse bis zum 1. November sicherstellen. Der Ministerpräsident und die Minister „machen sich über ihre persönliche Verantwortung klar“, aber ein erheblicher Teil liege auch bei den Abgeordneten – „etwa 15 Milliarden Dollar – das ist ihr Teil der Arbeit, der erledigt werden muss“. Separat erwähnte Selenskyj weitere 27 Milliarden Dollar, die über das Verteidigungsministerium benötigt würden und zu denen „auf allen Ebenen wir mit den Partnern im Gespräch sind“, und betonte, dass die Ukraine für die Erlangung zusätzlicher Mittel das erfüllen müsse, was sie bereits zugesagt habe. Zum Abschluss erklärte er, dass er auf eine klare Arbeit der Regierung und aller Abgeordneten hoffe.
Widersprüchliche Daten
In den Einschätzungen des Umfangs der finanziellen Verluste aus den gescheiterten Abstimmungen gibt es in den Veröffentlichungen eine Diskrepanz in den Zahlen. In der Ansprache des Präsidenten und in der Schlagzeile des RBC-Ukraine-Artikels ist die Rede über einen Paket von 30 Milliarden US-Dollar, der durch die Annahme der entsprechenden Gesetze freigegeben wird, aufgeteilt in 15 Milliarden von der Regierung und etwa 15 Milliarden vom Parlament. Dabei wird derselbe Vorfall in der Schlagzeile der Publikation von fakty.com.ua anders beschrieben: Dort wird behauptet, dass die Ukraine wegen der gescheiterten Gesetze „mehr als 4 Mrd. USD hätte erhalten können“. Somit betont eine Version das Gesamtvolumen des IWF-Programms (30 Mrd. USD), die andere – den konkreten Betrag, den das Land nach dieser Einschätzung unmittelbar in naher Zukunft hätte erhalten können. In den bereitgestellten Primärtexten werden beide Zahlen nicht als identisch angegeben, daher werden beide Werte als verschiedene Formulierungen desselben Ereignisses wiedergegeben, ohne sie auf einen einheitlichen Betrag zusammenzuführen.
Kontext: IWF-Prüfer in Kiew
Auf dem Hintergrund der gescheiterten Abstimmungen sind laut mk.ru „Prüfer“ des IWF in Kiew eingetroffen, was die Redaktion mit der Irritation der westlichen Partner in Verbindung bringt. Dies stimmt mit der Logik der Erklärung Selenskys überein: Die Erfüllung der Verpflichtungen im Rahmen des IWF-Programms und der Finanzierungsbedingungen der EU, einschließlich der Fragen im Zusammenhang mit dem Rechnungshof und der Abschaffung der Postbefreiungen, wirkt sich unmittelbar auf den Zugang der Ukraine zu Tranchen aus. Somit wird das Scheitern der Abstimmungen in der Rada nicht nur als Risiko für den konkreten Mittelbetrag, sondern auch für die allgemeine Dynamik der Beziehungen zu den Gläubigern im Vorfeld der Winterperiode wahrgenommen.