In Oslo fand ein Arbeitstreffen zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre statt. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf die offizielle Website des ukrainischen Staatschefs. Im Zentrum der Verhandlungen standen drei Themenblöcke: die Stärkung der Luftverteidigung, die Entwicklung des gemeinsamen antiballistischen Programms FREYJA und die Vorbereitung der ukrainischen Energieinfrastruktur auf die kommende Heizsaison. Das Treffen fand vor dem Hintergrund der verschärften Debatte um den Mangel an Abfangraketen für die Patriot-Systeme statt, den Selenskyj im August 2026 öffentlich benannt hatte.
Abfangraketen und der PURL-Mechanismus
Zunächst besprachen die Staats- und Regierungschefs die Bedürfnisse der Ukraine im Bereich der Abfangraketen, vor allem für die Patriot-Luftabwehrsysteme. Selenskyj informierte die norwegische Seite über den aktuellen Bestandsstand und die konkreten Bedarfe. Die Ukraine hofft auf die Unterstützung Norwegens auch über den PURL-Mechanismus (Presidential Ukraine Request List), bei dem das Königreich einer der größten Beitragszahler ist. Kontext zum Verständnis des Umfangs des Problems: Bereits im August 2026 hatte Selenskyj erklärt, dass die Ukraine rund 5 % der amerikanischen Patriot-Raketenbestände benötige, um den Winter zu überstehen, und CNN hatte Bilder praktisch leerer Startraketen veröffentlicht, woraufhin der Präsident einräumte, dass zu diesem Zeitpunkt nur noch 1 % der benötigten Abfangraketen vorhanden waren.
Antiballistisches Programm FREYJA
Ein eigener Punkt der Agenda war die weitere Arbeit am FREYJA-Programm – einem gemeinsamen Projekt zur Entwicklung einer antiballistischen Verteidigung. Die Seiten zogen eine vorläufige Bilanz und einigten sich auf die nächsten Schritte zur Umsetzung der Initiative. Das Programm sieht die Integration ukrainischer und europäischer Technologien zur Schaffung eines mehrstufigen Abfangsystems für ballistische Ziele vor, was es zu einem der Schlüsselelemente der langfristigen Verteidigungsstrategie der Ukraine im Rahmen der europäischen Verteidigungszusammenarbeit macht.
Vorbereitung auf die Heizsaison
Auch über die praktische Vorbereitung der Ukraine auf den Winter wurde gesprochen. In der vergangenen Heizsaison hatte Norwegen bereits erhebliche Energiehilfe geleistet, und bei dem Treffen besprachen die Staatschefs die aktuellen Bedürfnisse der Ukraine und die Möglichkeiten des Königreichs, das Land erneut zu unterstützen. Angesichts der Schäden an der Energieinfrastruktur infolge russischer Angriffe bleibt die Frage der Versorgung von Millionen Bürgern mit Wärme und Strom eines der verwundbarsten Bereiche, in denen internationale Unterstützung eine entscheidende Rolle spielt.
Beileidsbekundung zum Tod von König Harald V.
Zu Beginn des Treffens sprach Selenskyj sein Beileid zum Tod des norwegischen Königs Harald V. aus. Der ukrainische Präsident betonte, dass es ihm wichtig sei, persönlich an der Abschiedszeremonie teilzunehmen, die für den 9. September angesetzt ist – einen Tag nach dem Treffen mit dem Ministerpräsidenten. Selenskyj unterstrich, dass die Ukraine die Unterstützung der norwegischen Königsfamilie und des gesamten norwegischen Volkes wertschätze, die während der gesamten Dauer des Konflikts aufrechterhalten worden sei.
Breiterer Verteidigungskontext und Festsetzung eines russischen Schiffes
Das Treffen in Oslo fügt sich in einen breiteren Zyklus von Verteidigungsabkommen ein, die die Partner der Ukraine vor dem Unabhängigkeitstag angekündigt hatten. So haben Norwegen und eine Reihe anderer Länder die Lieferung von Gripen-Jagdflugzeugen und SCALP-Kursraketen zugesagt sowie ein Drohnenabkommen unterzeichnet, das eine gemeinsame Produktion von Drohnen vorsieht. Parallel wurde in Norwegen ein russisches Schiff im Rahmen der Zwangsvollstreckung eines Schiedsspruchs über Forderungen des „Naftohas“ in Höhe von 4,22 Milliarden Dollar festgesetzt, was die Nutzung der norwegischen Jurisdiktion als Instrument des wirtschaftlichen Drucks auf Russland zeigt.
Widersprüchliche Daten
In offenen Quellen, die sich auf Selenskyjs Aussagen über den Bestand an Patriot-Raketen beziehen, werden verschiedene Zahlen genannt, die bei oberflächlicher Lektüre irreführend sein können. Laut Euronews (13. August 2026) erklärte der Präsident, dass die Ukraine 5 % der amerikanischen Patriot-Raketenbestände benötige, um den Winter zu überstehen. Gleichzeitig berichteten die Portale 1prime.ru (18. August 2026) und glavred.info, dass Selenskyj einräumte: Zu diesem Zeitpunkt seien nur noch 1 % der benötigten Abfangraketen vorhanden gewesen. Diese Kennzahlen beschreiben unterschiedliche Metriken: 5 % ist das Bedarfsvolumen im Verhältnis zum amerikanischen Arsenal, 1 % ist der tatsächliche Lagerbestand im Verhältnis zum erforderlichen Minimum. Dennoch werden beide Zahlen im öffentlichen Diskurs häufig als „Bestandsschätzung“ zitiert, was den Eindruck einer Unstimmigkeit erweckt. Bei dem Treffen in Oslo wurden keine konkreten Zahlenwerte genannt, und die Seiten beschränkten sich auf die allgemeine Formulierung der „Bedürfnisse an Abfangraketen“.