Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat öffentlich seine Position zu einer der heikelsten politischen Fragen der Kriegszeit bekräftigt – der Durchführung von Wahlen unter Bedingungen eines vollumfänglichen Krieges. In einer Ansprache an die Journalisten verglich der Staatschef ein mögliches Abstimmungsverfahren in einer solchen Situation mit einem „Tsunami für den Staat“, der, so seine Worte, das Land spalten könne. Selenskyj betonte, dass seine Strategie darin bestehe, „das Land bis zum Ende des Krieges zu führen“ und einen unabhängigen und souveränen Staat zu bewahren, und erklärte, dass er diese konsequent umsetze.
Position des Präsidenten: Risiken an erster Stelle
Wie Selenskyj erklärte, wurde die Ukraine bereits zuvor zur Durchführung von Wahlen während des Krieges gedrängt, jedoch seien konkrete Vorschläge zur Organisation einer sicheren und demokratischen Abstimmung nie vorgelegt worden. Der Präsident verknüpfte die Risiken direkt mit dem Fehlen einer Waffenruhe: Da Russland sich nicht auf deren Einführung einlasse, seien die Voraussetzungen für einen ruhigen Wahlprozess nach seiner Einschätzung derzeit nicht erfüllt. „Ich glaube, wenn wir das Land zerstören wollen, können wir während eines solchen Krieges in Richtung Wahlen gehen“, erklärte er und fügte hinzu, dass Wahlen „gerade jetzt“ existenzielle Risiken für den Staat mit sich brächten.
Bedingungen, die die Regierung nannte
Gleichzeitig schloss Selenskyj das Thema nicht vollständig ab: Er erklärte sich bereit, die Frage zu erörtern, falls die Partner konkrete Bedingungen für die Durchführung der Abstimmung vorschlagen. Zu den zentralen Forderungen zählte er die Möglichkeit der Wahlteilnahme für Soldaten, Bewohner der Frontnähe und Ukrainer, die wegen des Krieges ins Ausland gegangen sind. Als eigenständige und im Wesentlichen entscheidende Bedingung nannte der Präsident die Sicherheit des Prozesses selbst – das Fehlen von Raketenangriffen und Beschuss an den Abstimmungstagen sowie die Notwendigkeit entsprechender Änderungen der Gesetzgebung.
Externer und interner Kontext
Das Thema Wahlen während des Krieges wurde öffentlich unter anderem von US-Präsident Donald Trump aufgegriffen, der Ende des vergangenen Jahres erklärte, dass Demokratie „nicht ohne Wahlen“ möglich sei und die Ukrainer die Möglichkeit erhalten müssten, ihre Regierung zu wählen. Innerhalb der Ukraine unterstützte der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow die Initiative, der am 18. August 2026 dazu aufrief, einen Mechanismus für die Durchführung von Wahlen unter Kriegsbedingungen zu finden, wobei er den Fokus auf die Sicherstellung der Abstimmung für Soldaten, die Diaspora und die Bewohner der Frontnähe legte. Selenskyj bekräftigte daraufhin seine Bereitschaft zum Dialog, verknüpfte sie jedoch erneut mit Sicherheitsgarantien und rechtlichen Änderungen.
Strategie bis zum Kriegsende
Die zusammenfassende Position Kiews sieht demnach wie ein Kompromiss zwischen formeller Offenheit für die Diskussion und faktischem Verzicht auf eine Abstimmung bis zum Ende der Kampfhandlungen aus. Für die Regierung bleibt das Fehlen eines Waffenruheregimes und infolgedessen die Unmöglichkeit, die physische Sicherheit des Wahlprozesses zu gewährleisten, das zentrale Argument. Solange diese Bedingungen nicht erfüllt sind, besteht Selenskyj darauf, dass seine Priorität die Bewahrung des Staates bis zum Kriegsende sei, nicht aber die Durchführung von Wahlen mitten im Krieg.