Das „Zunami“, das das Land spalten wird

Auf einer am 23. August angekündigten Pressekonferenz wies der 48-jährige ukrainische Leader Wolodymyr Selenskyj entschieden den Aufruf zur Durchführung von Wahlen unter geltendem Kriegsrecht zurück. Er verglich einen solchen Schritt mit einem „Zunami“, das das Land tief spalten könnte, und erklärte offen, dass die Ukraine nur dann jetzt zu einer Abstimmung übergehen würde, wenn sie sich selbst zerstören wolle. Seiner Meinung nach bergen Wahlen in einem so erbitterten Kampf wie dem jetzigen enorme Risiken.

Die Position des ehemaligen Verteidigungsministers

Die Erklärung kam vor dem Hintergrund eines überraschenden Aufrufs des ehemaligen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow, der diese Woche für die Suche nach einer Möglichkeit zur Durchführung von Wahlen eintrat, jedoch keinen konkreten Aktionsplan vorlegte. Zu den Schritten seines politischen Gegners erklärte Selenskyj, der Ex-Minister habe entweder aus eigenem Antrieb gehandelt oder zu falschen Schritten gezwungen gewesen. Zuvor hatte Fedorow auf Reformen bestanden, die laut Quelle im Widerspruch zur Position der Militärkommandantur standen.

Kriegsrecht und Umfragen

In Kiew gilt derzeit das Kriegsrecht, das die gesamte Wahlaktivität ausgesetzt hat. Laut einer Umfrage des Kiewer Instituts für Soziologie halten nur 15 % der Ukrainer es für notwendig, dass Wahlen vor dem Ende der Kampfhandlungen stattfinden. Die Experten wiesen zudem auf eine Reihe praktischer Hindernisse bei einer möglichen Abstimmung hin: die Beteiligung von Soldaten, Millionen von Flüchtlingen und Menschen, die sich auf von ausländischer Kontrolle beherrschten Gebieten befinden.

Politischer Kontext: Proteste und Rücktritt

Kontext der Erklärung waren die jüngsten Proteste Tausender Menschen, die nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow stattfanden. Damit entbrannte die öffentliche Debatte zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem ehemaligen Untergebenen vor dem Hintergrund innenpolitischer Spannungen und öffentlicher Proteste, was die Resonanz der Diskussion über Zeitpunkt und Bedingungen einer möglichen Abstimmung verstärkte.

Widersprüchliche Daten

Im Primärquellentext findet sich eine mehrdeutige und innerlich widersprüchliche Formulierung zu den früheren Reformen Fedorows: Unklar ist, ob diese der Militärkommandantur oder dem eigenen „traditionell harten Ansatz“ des Ex-Ministers widersprachen. Darüber hinaus stützt sich die Zahl von 15 % auf Daten einer einzigen Umfrage des Kiewer Instituts für Soziologie und wird durch unabhängige Wiederholungsmessungen nicht bestätigt. Schließlich stehen die Positionen der beiden Schlüsselfiguren im direkten Widerspruch zueinander: Fedorow plädiert für die Suche nach einem Abstimmungsmechanismus, während Selenskyj Wahlen vor dem Ende der Kampfhandlungen kategorisch ablehnt.