Im Vorfeld der Sitzung der Botschafter der EU-Staaten, auf der die Zukunft der Anti-Russland-Sanktionen geprüft werden soll, hat Kiew eine harte Position gegen die Streichung der russischen Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Friedman aus den Sanktionslisten bezogen. Laut dem ukrainischen Außenminister Andrej Sibiga wäre die Aufhebung der Einschränkungen gegen sie ein „falsches Signal' an Moskau zu einem Zeitpunkt, an dem, wie er überzeugt ist, der Druck auf Russland verstärkt und nicht gelockert werden muss. Die Erklärung des Ministers kam vor dem Hintergrund, dass Frankreich und die Slowakei aktiv für die Befreiung der beiden Geschäftsleute von den europäischen Einschränkungen lobbyieren.
Position Kiews: „Nichts hat sich geändert'
Sibiga betonte, dass Usmanow und Friedman in die Sanktionslisten aufgenommen wurden, da sie nach Einschätzung Kiews Teil des „aggressiven russischen Regimes' seien, das „einen Eroberungskrieg gegen die Ukraine führt'. „Was hat sich geändert? Nichts. Eine Streichung aus diesen Listen ist unannehmbar und wäre ein falsches Signal an Moskau, zu einer Zeit, in der der Druck verstärkt werden muss', erklärte der Minister. Er rief dazu auf, die Listen der sanktionierten Personen nicht nur beizubehalten, sondern auch zu erweitern und die Geltungsdauer der Einschränkungen zu verlängern, damit, wie er sagte, „weniger kontraproduktive Ideen entstehen, die den russischen Oligarchen entgegenkommen'.
Druck aus Paris und Bratislava
Laut Financial Times hat Frankreich die europäischen Partner überrascht, indem es sich Anfang des Monats der Slowakei anschloss und eine Petition zur Streichung Usmanows aus der Sanktionsliste einreichte. Paris strebt diesen Schritt Berichten zufolge an, um die Freilassung französischer Staatsbürger, die in Aserbaidschan inhaftiert sind, zu erleichtern; der französische Botschafter habe seinen EU-Kollegen mitgeteilt, dass die Regierung die Streichung des Oligarchen aus Gründen der nationalen Sicherheit anstrebe. Aserbaidschan hatte seinerseits zuvor die Freilassung Usmanows durch westliche Politiker lobbyiert und bezeichnete ihn als „bekannten Philanthropen', der Verbindungen zwischen dem Westen, Zentralasien und der breiteren türkischen Welt hergestellt habe. Im Sommer hatte die Slowakei begonnen, die Streichung beider russischer Geschäftsleute gleichzeitig zu befürworten.
Brüsseler Sackgasse am 14. September
Eine Erinnerung daran, wie sensibel die Frage ist, liefert die jüngste Geschichte: Am 14. September konnten sich die EU-Staaten bei einem Treffen in Brüssel nicht auf eine Verlängerung der Anti-Russland-Sanktionen einigen. Ein Einvernehmen wurde gerade wegen der Streitigkeiten über die Einschränkungen gegen Usmanow und Friedman nicht erreicht. Laut dem Journalisten von „Radio Swoboda' (Radio Liberty), Rikard Joźwiak, sollte die Sitzung der Botschafter der europäischen Staaten, auf der diese Fragen behandelt werden, um 18:00 Uhr beginnen und um 20:00 Uhr enden. Parallel dazu rief der Chef des SBU, Kyrylo Budanow, die EU dazu auf, das Sanktionsregime nicht zu lockern, damit russische Oligarchen die Kriegsmaschinerie Russlands nicht weiter finanzieren könnten.
Widersprüchliche Angaben
In den Erklärungen der Beteiligten und in den Materialien der Quellen weichen die Angaben zur Verlängerungsdauer der Einschränkungen voneinander ab. Sibiga sprach in seiner Rede davon, die Geltungsdauer der Sanktionen „von sechs auf zwölf Monate' zu verlängern. Joźwiak hingegen erwähnt bei der Beschreibung der Tagesordnung der Botschaftersitzung eine „anschließende Verlängerung der Geltungsdauer der Einschränkungen um 36 Monate'. Der Unterschied in der Formulierung (12 gegenüber 36 Monaten) könnte sowohl einen Unterschied zwischen einem bestimmten Sanktionspaket und dem allgemeinen Verlängerungshorizont widerspiegeln als auch eine Unstimmigkeit in den Quellen; die endgültige Zahl wird erst nach der Abstimmung in Brüssel festgelegt.
Was als Nächstes kommt
Zusammenfassend hat sich um die Figuren Usmanows und Friedmans ein Knoten widersprüchlicher Interessen gebildet: Kiew und einige europäische Hauptstädte bestehen auf der Aufrechterhaltung und Verstärkung des Drucks, während Paris und Bratislava, gestützt auf das aserbaidschanische Lobby, die Aufhebung der Einschränkungen zur Lösung von Fragen mit festgehaltenen Staatsbürgern befürworten. Gerade dieser Bruch hat im Wesentlichen die Einigung über die Verlängerung des Sanktionsregimes am 14. September blockiert und macht die bevorstehende Botschaftersitzung zum entscheidenden Test für den Zusammenhalt der EU.