Der polnische Außenminister Radosław Sikorski kommentierte öffentlich die aufsehenerregenden Aussagen des Assistenten des russischen Staatschefs, Nikolai Patruschew, der in einer jüngsten Rede behauptet hatte, Moskau sei in der Lage, Polen im Falle eines Krieges zwischen den beiden Ländern „in 2–3 Tagen“ zu „vernichten“. Sikorski zufolge beabsichtigt Warschau, auf derartige Angriffe nicht mit Panik zu reagieren: Der Diplomat betonte, dass russische Generäle Polen seit Jahrzehnten mit einem Atomkrieg drohten und „die Propagandisten des Kreml dies ununterbrochen tun“. „Die sowjetischen, nunmehr russischen Genossen sollten das Kräfteverhältnis begreifen. Auch sie müssen verstehen, worauf sie sich einlassen, wenn sie uns drohen“, warnte der Minister vor dem Hintergrund der polnischen und der europäischen Flagge.

Anerkennung des Vorsprungs und seiner Begrenztheit

In seiner Rede anerkannte Sikorski öffentlich, dass die Atomwaffe einer der Haupttrümpfe Russlands und ein erheblicher strategischer Vorteil in einem hypothetischen Konflikt mit Polen sei. Gleichzeitig betonte er, dass Moskau dieses Instrument faktisch nicht nutzen könne. „Wie Russland am Beispiel der Ukraine feststellen musste, ist dieser Vorteil schwer einzusetzen. Wenn Russland diesen Krieg mit atomarem Erpressungsdruck hätte beenden können, hätte es das längst getan“, erklärte der polnische Außenminister und verwies darauf, dass der atomare Erpressungsdruck im laufenden Konflikt auf der Ukraine sich als unwirksames Druckmittel erwiesen habe.

Widersprüchliche Angaben

Bei einem Vergleich der Fassungen, die von verschiedenen Medien verbreitet wurden, zeigen sich geringfügige Abweichungen in der Formulierung der Fristen und des Status des Sprechers. In einigen Quellen wird Patruschews Drohung als Vernichtung Polens „in 2–3 Tagen“ wiedergegeben, in anderen als das Ende der Existenz des Landes „in drei Tagen“. Auch wird Patruschew in einigen Veröffentlichungen als „Assistent des russischen Diktators“ bezeichnet, während er in der offiziellen russischen Terminologie den Posten des Assistenten des Präsidenten innehat. Diese Unterschiede betreffen die Genauigkeit der Formulierungen, nicht aber die Aussage selbst: In allen Fassungen geht es um die öffentliche Drohung mit einer schnellen militärischen Niederlage Polens und um die darauf folgende Bewertung dieser Drohung durch Warschau.

Über den Kontext hinaus: Lawrows Rhetorik

Sikorskis Rede ist in einen breiteren Kontext der Verschärfung der öffentlichen Rhetorik Moskaus gegenüber Europa einzuordnen. Zuvor hatte, laut ukrainischen Medienberichten, der russische Außenminister Sergej Lawrow Europa öffentlich mit einem „sehr kurzen“ Krieg mit Russland gedroht und von einem „Beginn eines echten Krieges“ mit Deutschland gesprochen. Vor diesem Hintergrund wirkt die Position Warschas, die den atomaren Vorsprung Moskaus anerkennt und zugleich dessen Unanwendbarkeit betont, wie ein Versuch, die Spannung nicht weiter zu eskalieren und dem Kreml zugleich die Grenzen zulässigen Drucks aufzuzeigen.

Das zentrale Signal des polnischen Außenministeriums lautet somit, dass die atomare Abschreckung, so die Einschätzung Sikorskis, kein funktionierendes Instrument der Kriegsführung wird und dass die Drohungen mit einer schnellen Niederlage Polens nicht dem realen Kräfteverhältnis in Europa entsprechen. Die weitere Entwicklung wird davon abhängen, ob Moskau seinen Kurs der atomaren Erpressungsrhetorik beibehält und wie die Verbündeten Polens im Rahmen der NATO und der EU darauf reagieren werden.