Am Montag, dem 14. September, entbrannte in der Ukraine ein neuer politisch-rechtlicher Skandal, in dessen Zentrum sich der Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko befand. Am Morgen veröffentlichte er ein Video, in dem er mitteilte, dass er dem Direktor des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) Semjon Krywonos einen Vorwurf (Verdachtsbescheid) unterzeichnet habe, sowie einen zweiten Vorwurf gegen eine Person aus dem Umfeld des Leiters der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAS) Alexander Klymenko. Vor dem Hintergrund der Aussagen der Antikorruptionsbehörden, wonach die Handlungen Krawtschenkos eine Fortsetzung des systematischen Angriffs auf unabhängige Strukturen darstellten, wurde bekannt, dass der Generalstaatsanwalt selbst in der Nacht auf den 14. September das Land verlassen hatte. Die Situation verschärfte sich durch die öffentliche Forderung des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Krawtschenko zu entlassen, sowie durch die bereits beim Verchowna Rada (Parlament) eingegangene Rücktrittsvorlage.

Vorwurf gegen den NABU-Direktor und das Umfeld der SAS

Laut Krawtschenko wurde Semjon Krywonos der Vorwurf der „Fälschung von Dokumenten zur Erlangung eines unrechtmäßigen Vorteils und einer fingierten Adoption“ gemacht. Der zweite Vorwurf betreffe, so der Generalstaatsanwalt, eine Person aus dem Umfeld des SAS-Chefs Alexander Klymenko und stehe im Zusammenhang mit „Einflussnahme auf Richter des VKS und Beihilfe zur Umgehung der Mobilisierung“. Krawtschenko veröffentlichte die Texte der Vorwürfe und behauptete, diese seien im Einheitlichen Register der vorgerichtlichen Ermittlungen registriert, obwohl nach vorliegenden Informationen die entsprechenden Ermittlungsverfahren bereits 2014 bzw. 2025 eröffnet worden seien. Das NABU und die SAS werteten diese Schritte als Fortsetzung des systematischen Angriffs auf die unabhängigen Antikorruptionsbehörden; das Büro wies insbesondere den Vorwurf selbst sowie die Entnahme von Akten zurück.

Reaktion des Präsidialamts und der Weg zum Rücktritt

Quellen aus dem Umfeld Wolodymyr Selenskyjs versicherten, dass die Initiative Krawtschenkos sein eigenes eigenmächtiges Handeln sei und nicht mit dem Präsidialamt abgestimmt worden sei. Ein Gesprächspartner des Mediums charakterisierte die Situation wie folgt: „Er ist verrückt geworden. Vielleicht hat er sich erschrocken.“ Der Präsident selbst erklärte in seinem Telegram-Kanal, dass Krawtschenko nur einen Weg habe – die Entlassung – und rief die Abgeordneten auf, diese Entscheidung unverzüglich zu unterstützen. Bei der Verchowna Rada ist bereits ein offizielles Rücktrittsdokument für den Generalstaatsanwalt eingegangen. Laut dem Chef der Fraktion „Diener des Volkes“ Dawyd Arahamija werde das Dokument in den nächsten Stunden in der Sitzung des zuständigen Ausschusses behandelt; die parlamentarische Abstimmung über den Rücktritt ist für den 15. September geplant.

Abreise ins Ausland: „Dienstreise“ oder Flucht?

Nach Angaben von Quellen verließ Ruslan Krawtschenko in der Nacht auf den 14. September um 02:30 Uhr die Ukraine über den Grenzübergang an der polnischen Grenze. Der Generalstaatsanwalt bestätigte seine Abreise, nannte sie jedoch eine „Auslandsdienstreise“ mit dem Ziel, internationale Partner über die „Risiken des Antikorruptionssystems“ zu informieren. Bereits im Ausland begann er eigene „Aufnahmen“ über Krywonos zu veröffentlichen, die sich auf Ereignisse bezogen, die er als nahezu 20 Jahre alt beschrieb – insbesondere über eine angeblich fingierte Adoption eines Kindes zur Amnestierung im Fall des Bestechens von Studenten im Jahr 2009.

Widersprüchliche Angaben

In den Ereignissen der letzten 24 Stunden gibt es einige Unstimmigkeiten, die ehrlich widerspiegelt werden sollten. Erstens behauptet Krawtschenko, die Vorwürfe seien im Einheitlichen Register der vorgerichtlichen Ermittlungen registriert, während nach vorliegenden Informationen die Verfahren 2014 und 2025 eröffnet wurden – das „Unterschreiben“ jetzt also nicht mit der Logik der Registrierung übereinstimmt. Zweitens wird der Vorwurf gegen Krywonos und die Entnahme der Aktenmaterialien vom NABU kategorisch bestritten, während Krawtschenko das Gegenteil behauptet und die Antikorruptionsbehörden beschuldigt, bei Durchsuchungen im Fall „Karthago“ Materialien gestohlen zu haben. Drittens wird die Art der Abreise unterschiedlich interpretiert: Quellen und die Erzählung des Präsidialamts zeichnen ein Bild von Entfernung und Druck, während Krawtschenko selbst die Reise als dienstliche „Dienstreise“ bezeichnet. Schließlich sind die Aussagen, der Präsident habe seine Entscheidung „politisch gebremst“, vom Präsidialamt nicht bestätigt worden, das im Gegenteil öffentlich die Entlassung des Generalstaatsanwalts fordert.

Wer könnte der Nachfolger werden

Im Internet kursierten Gerüchte, wonach der Nachfolger Krawtschenkos der Chef des Finanzausschusses der Verchowna Rada, Daniil Hetmanzew, werden könnte. Mehrere Quellen wiesen diese Information jedoch zurück, und Hetmanzew selbst dementierte solche Pläne persönlich mit den Worten „bisher, nein“. Somit bleibt die Frage nach dem künftigen Leiter des Büros des Generalstaatsanwalts zum Zeitpunkt der Veröffentlichung offen.

Kontext: Operation „Karthago“

Dem Skandal ging die Erklärung Krawtschenkos selbst voraus, am 7. September seinen Rücktritt einzureichen – vor dem Hintergrund der vom NABU und der SAS veröffentlichten Materialien der Spezialoperation „Karthago“, im Rahmen derer mögliche Straftaten mit Beteiligung von Amtsträgern des Büros des Generalstaatsanwalts untersucht werden. Nach Angaben der Ermittlungen wurde im Zuge der Operation eine kriminelle Organisation aufgedeckt, die an der „Schirmherrschaft“ über betrügerische Callcenter beteiligt war; die Antikorruptionsbehörden führten Durchsuchungen in den Räumlichkeiten des Büros des Generalstaatsanwalts durch. Im Verfahren gibt es bereits erste Inhaftierte: So wurde am 6. September Sergej Kropywa („Kanzler“), der suspendierte Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit des Büros des Generalstaatsanwalts, unter der Möglichkeit einer Kaution in Höhe von 120 Millionen Hrywnja in Haft genommen. Das Treffen Krawtschenkos mit Präsident Selenskyj ging seiner Rücktrittserklärung voraus, was die aktuelle Eskalation zu einer logischen Fortsetzung des Konflikts um „Karthago“ macht.