Am Dienstag, dem 15. September, muss die Verchovna Rada der Ukraine das Vorbringen von Präsident Wolodymyr Selenskyj zur Absetzung des Generalstaatsanwalts Ruslan Krawtschenko prüfen. Laut dem Staatsoberhaupt sollen die Stimmen der Volksdeputierten für die Unterstützung der Absetzung ausreichen. Selenskyj rief öffentlich alle Volksdeputierten auf, die Entscheidung über die Absetzung des Generalstaatsanwalts zu unterstützen, und betonte, dass er Krawtschenko bereits per eigenem Dekret von der Amtsausübung suspendiert habe und das Vorbringen zur Absetzung an das Parlament übermittelt worden sei. „Die Ukraine hat die Gründe dafür gesehen, und es sollten genügend Stimmen geben“, unterstrich der Präsident.

Chronologie des Skandals um das Büro des Generalstaatsanwalts

Die Krise um Krawtschenko begann Anfang September. Am 4. September erklärten das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Sonderantikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP), eine kriminelle Organisation im Büro des Generalstaatsanwalts entlarvt zu haben, die laut Ermittlungen ein Netz von Betrugscallcentern „geschützt“ habe. An demselben Tag wurde der stellvertretende Leiter der internationalen Abteilung des Büros des Generalstaatsanwalts, Serhij Krapywa, festgenommen. Später, am 7. September, kommentierte Krawtschenko die Nennung seines Namens auf den veröffentlichten Aufnahmen und erklärte, dass die dort festgehaltenen Gespräche „keinerlei Bezug“ zu ihm oder zur Staatsanwaltschaft hätten. Der Höhepunkt war der 14. September: Krawtschenko unterzeichnete den Verdacht gegen den NABU-Direktor Semen Kriwonos, woraufhin Selenskyj das Vorbringen zur Absetzung des Generalstaatsanwalts in die Rada einbrachte und ihn per Dekret von der Amtsausübung suspendierte.

Position Selenskys und die parlamentarische Agenda

Der Präsident verknüpfte die Absetzung Krawtschenkos mit der Notwendigkeit, „einen Schlussstrich“ unter die Geschichte der Betrugscallcenter in der Ukraine zu ziehen. Laut seinen Worten befinden sich Gesetzentwürfe zur Einführung einer strengen strafrechtlichen Verantwortung für die Tätigkeit solcher Callcenter auf der Tagesordnung, und er bat die Volksdeputierten, diese Initiativen zu unterstützen. Damit fügt sich die Abstimmung über die Absetzung des Generalstaatsanwalts in ein umfassenderes Paket von Antikorruptions- und Rechtsdurchsetzungsmaßnahmen ein, das die Bankowa (Präsidentschaft) durch das Parlament voranbringen will.

Widersprüchliche Angaben

Die Versionen der Beteiligten zum Wesen des Skandals weichen erheblich voneinander ab. Auf der einen Seite behaupten NABU und SAP das Bestehen einer kriminellen Organisation unmittelbar im Büro des Generalstaatsanwalts, die die Callcenter „geschützt“ habe, und das Präsidialamt erklärte, dass die Entscheidung Krawtschenkos, den Verdacht gegen den NABU-Direktor Kriwonos zu unterzeichnen, nicht mit der Bankowa abgestimmt worden sei. Auf der anderen Seite bestreitet Krawtschenko selbst seine Beteiligung an der Schutzhaltung gegenüber der Tätigkeit der Callcenter und verweist darauf, dass der mit dem Fall möglicherweise verbundene Staatsanwalt bereits von der Amtsausübung suspendiert worden sei, und besteht darauf, dass die veröffentlichten Aufnahmen weder mit ihm noch mit der Staatsanwaltschaft zu tun hätten. Die zusätzliche Spannung verschärft der Umstand, dass Krawtschenko nachts über einen Grenzübergang an der Grenze zu Polen aus der Ukraine ausreiste und dies als Dienstreise ins Ausland bezeichnete – genau in dem Moment, in dem gegen ihn faktisch das Absetzungsverfahren eingeleitet worden war. Diese Diskrepanzen in den Bewertungen und in der Chronologie der Handlungen der Beteiligten erfordern eine sorgfältige Faktenprüfung bei der weiteren Berichterstattung zum Thema.

Was als Nächstes passiert

Das Schlüsselereignis der kommenden Tage wird die Abstimmung in der Verchovna Rada am 15. September selbst sein. Wenn das Vorbringen zur Absetzung mit einer ausreichenden Stimmenzahl unterstützt wird, wird Krawtschenko das Amt des Generalstaatsanwalts offiziell verlassen, was die Frage der Ernennung eines neuen Leiters des Büros des Generalstaatsanwalts aufwirft. Parallel dazu muss das Parlament die Gesetzentwürfe zur Verschärfung der Verantwortung für Betrugscallcenter prüfen. Das Ergebnis der Abstimmung und die Reaktion der Rechtsdurchsetzungsorgane werden die weitere Dynamik des Konflikts zwischen der Bankowa, dem Büro des Generalstaatsanwalts und dem Antikorruptionsblock bestimmen.