Das ukrainische Parlament hat über Jahrzehnte seiner Arbeit nicht nur Gesetzgeber und Korrupte hervorgebracht, sondern auch eine ganze Schicht von Figuren, deren Worte und Taten zum Teil des volkstümlichen politischen Folklors wurden. Das Magazin Styler (RBC-Ukraine) hat eine Auswahl von Volksabgeordneten zusammengestellt, die den deutlichsten Eindruck in der Geschichte des sogenannten „Parlaments-Cringes“ hinterlassen haben – jener, die die Zuschauer gleichzeitig zum Lachen und zum Schamrotieren brachten. In der Rangliste finden sich sowohl bereits verstorbene Persönlichkeiten als auch amtierende Parlamentarier, deren Verhaltensweise, so die Autoren, mental in einer anderen Epoche steckengeblieben ist.

Ilya Kiva: der absolute Champion des „Cringes“ aller Zeiten

Laut Bewertung von Styler ist der viel zu früh verstorbene Ilya Kiva der Rekordhalter der Ukraine in dieser Kategorie. Seine Biografie ist voller Kontraste: Aktivist des „Rechten Sektors“, Polizeioberst, Kämpfer gegen Drogenkriminalität, Anführer der Sozialistischen Partei, Volksabgeordneter der OPSS und, wie er in der Veröffentlichung genannt wird, ein „Verräter“. In der parlamentarischen Praxis wurde Kiva durch die Verteidigung seiner Kandidatendissertation bekannt, dadurch, dass er sich direkt im Saal der Werchowna Rada die Hosen zog, zu Sitzungen in einer Joker-Maske erschien, in Fernsehsendungen Rap vortrug und sogar, so die Autoren, „Drogen kochte“ – live im Fernsehen.

Eine der bekanntesten Legenden über Kiva ist mit seinem Ausscheiden aus dem „Rechten Sektor“ verbunden: Angeblich wollte er nicht mit leeren Händen gehen, sägte eine Heizungsleitung im Büro ab und verkaufte sie als Schrottmutter. Dabei stellt das Magazin ausdrücklich klar, dass diese Geschichte wahrscheinlich unwahr ist. Ganz im Geiste Kivas war hingegen sein Versuch, die ukrainische Domino-Föderation zu leiten, um, so seine eigenen Worte, den Putin-nahen Funktionär Borssow kennenzulernen, ihn zu entführen und gegen Nadschda Sawtschenko auszutauschen. Aus dem Vorhaben wurde nichts, und bald befand sich bereits Kiva selbst in Moskau – allerdings nur für kurze Zeit.

Nikolai Tischtschenko: Twerk, „Pumpe“ und die Reise nach Thailand

Unter den amtierenden Volksabgeordneten hebt Styler Nikolai Tischtschenko als „Cringe-Mann Nr. 1“ hervor. Der Restaurantbetreiber und TV-Moderator, der noch vor der Politik in der Gesellschaftschronik bekannt war, „legte sich nach Erhalt des Mandats so richtig ins Zeug“, so die Version des Magazins: Er tanzte Twerk vor der Kamera, kämpfte vor dem Rednerpult und ignorierte demonstrativ die Quarantänebeschränkungen. Seine Zitate ergänzten den „Goldenen Fonds“ des politischen Folklors – den ukrainischen Staat verglich er mit einer „Pumpe“, die „Steinmeier-Formel“ mit einer „Luftpuppe“.

Besonderes Aufsehen erregte Tischtschenkos Reise nach Thailand mitten im Vollskalenkrieg. Die Begründung des Abgeordneten, er sei „im Auftrag, die Beziehungen zu den asiatischen Ländern zu verbessern“, fand keine Unterstützung, und er wurde aus der Fraktion „Diener des Volkes“ ausgeschlossen. Als fraktionslos und mit Brille im Parlament auftretend, fand Tischtschenko, laut Veröffentlichung, Zuflucht in der Abgeordnetengruppe „Wiederherstellung der Ukraine“ – einem Überbleibsel der OPSS, wo ihm unter anderem der des Landesverrats beschuldigte Jewgeni Schewtschenko und der zuvor wegen Gruppenvergewaltigung verurteilte Roman Iwanissow als Kollegen dienen.

Hennadij Wazak: die „wilden 90er“ und zwei Rolls-Royce

Ein weiterer amtierender Parlamentarier aus der Gruppe „Vertrauen“, Hennadij Wazak, ist laut Bewertung von Styler mental in der Epoche des „ukrainischen politischen Paläozoikums“ geblieben. Sein Set an Attributen – „Hummer“, „Bentley“, „Maserati“, „Jaguar“ und eine massive Goldkette – nennen die Autoren ein untrügliches Merkmal eines Menschen, der in den „wilden“ 90ern steckengeblieben ist. Dabei, so das Magazin, beschloss der Konditor-Abgeordnete aus der Oblast Winnizja, sich nicht auf die Klassiker des provinziellen Glamours zu beschränken: Schon während des Krieges wurde sein Fuhrpark um gleich zwei „Rolls-Royce“ ergänzt, einer davon – ein elektrisches Modell und das erste seiner Art in der Modellreihe des Herstellers, in der Version Cullinan Black Badge.

Wazak, so Styler, liebt es, sich „vor der Kamera“ mit Top-Beamten ablichten zu lassen, wobei er die Pose des „örtlichen Schwarzenegger“ mit massiver Brust und ausgebreiteten Schultern einnimmt. Der Abgeordnete prahlt auch mit seiner Wohltätigkeit, unter deren Begünstigten – winnizische Geistliche des Moskauer Patriarchats stehen, deren Interessen er, so die Version des Magazins, leidenschaftlich verteidigt. Die Auswahl von Styler wird durch die Figur des verstorbenen Volksabgeordneten Karmasin abgeschlossen, den die Autoren zum Rekordhalter der Rada in der Anzahl der Redeauftritte nennen.

Widersprüchliche Angaben

In der Veröffentlichung von Styler selbst gibt es offene Vorbehalte, die zu berücksichtigen sind. Die Geschichte, dass Kiva beim Verlassen des „Rechten Sektors“ eine Heizungsleitung im Büro absägte und als Schrott verkaufte, wird im Text ausdrücklich als „vermutlich unwahr“ bezeichnet – es handelt sich also um eine urbane Legende und nicht um einen bestätigten Fakt. Ähnlich wird Tischtschenkos Erklärung seiner Thailand-Reise mit der „Verbesserung der Beziehungen zu Asien“ vom Magazin als Version des Abgeordneten selbst dargestellt, an die „niemand glaubte“, und nicht als festgestellter Motiv. Außerdem basiert die gesamte Rangliste auf der subjektiven redaktionellen Kategorie „Cringe“, die ein bewertendes Urteil der Autoren von Styler widerspiegelt und keinen rechtlich oder faktisch verifizierbaren Status darstellt. Daher stützen sich die faktischen Elemente (der Tod Kivas, der Ausschluss Tischtschenkos aus der Fraktion, das Vorhandensein von Rolls-Royce-Autos bei Wazak) auf die Veröffentlichung, während der bewertende Rahmen eine redaktionelle Meinung bleibt.