Der Oberbürgermeister von Charkiw, Igor Terechow, erklärte in einer öffentlichen Rede kategorisch, dass die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte zur Schließung des Fachkräftemangels in der Ukraine nicht sinnvoll sei. Seiner Ansicht nach brauche das Land keine «billige importierte Arbeitskraft aus dem Ausland», und der Bedarf an Fachkräften könne durch eigene Mitarbeiter oder durch Outsourcing gedeckt werden – wenn etwa qualifizierte Mitarbeiter aus Asien Aufgaben remote erledigten. «Ich will nicht, dass unser Land zum Land der billigen importierten Arbeitskräfte wird», betonte Terechow und fügte hinzu, dass die Migrationsfrage vor allem politischen Charakter trage.
Politische Rahmung und der spanische Präzedenzfall
Bei der Kommentierung der Risiken eines massenhaften Zuzugs von Migranten führte Terechow Spanien als Beispiel an, wo seiner Behauptung nach die Mehrheit der Einwanderer für Parteien stimme, die einen weiteren Zuzug von Menschen befürworteten. «Wir vergießen hier Blut, unsere Jungs fallen, Mädchen verteidigen das Land – wozu?», fragte der Oberbürgermeister rhetorisch und unterstrich, dass die Frage der Demografie- und Arbeitsmarktpolitik unter Bedingungen eines bewaffneten Konflikts eine besondere Schärfe erlange. Er wies auch auf die mögliche Bildung ethnischer Enklaven – «Städte in der Stadt» mit eigenen Regeln und kriminellen Strukturen – sowie auf Unterschiede in Religion, Lebensweise und Kultur hin, die seiner Meinung nach soziale Unruhen auslösen könnten.
Ausnahme für Studierende und Position zu Charkiw
Gleichzeitig präzisierte Terechow, dass seine Position ausländische Studierende nicht betreffe: Sie sollten seiner Ansicht nach in die Ukraine kommen und dort studieren, da dies einen Währungsabfluss in die Wirtschaft sichere. Der Oberbürgermeister betonte außerdem, dass die Lage in Charkiw selbst relativ ruhig sei, es in der Stadt keine Extremisten gebe und er persönlich mit Vertretern aller Konfessionen zusammenkomme. Gleichzeitig könnten seiner Einschätzung nach unter den zugezogenen Migranten radikale Elemente sein, was zusätzliche Risiken für die öffentliche Sicherheit mit sich bringe.
Synchronisation mit der Position der Gebietsverwaltung
Die Rede des Charkower Oberbürgermeisters korrespondiert mit der zuvor geäußerten Position des Chefs der Charkiwser Militäradministrativbehörde (OBA), Oleh Synjehubow, der die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte ebenfalls als vorzeitig und unsinnig bezeichnete und darauf bestand, dass die Region den Mangel mit eigenen Kräften decken und Studierende in der Region halten müsse. So wurde auf Ebene der Gebiets- und Stadtverwaltung eine einheitliche rhetorische Linie gebildet, die auf eine interne Personalpolitik und die Begrenzung des Migrationszuflusses ausgerichtet ist.
Wirtschaftlicher Kontext: Mangel an 4,5 Millionen Arbeitskräften
Gleichzeitig steht die Ukraine vor einem akuten Fachkräftemangel, der nach Schätzungen von Experten in den nächsten zehn Jahren rund 4,5 Millionen Arbeitskräfte beträgt. Experten weisen darauf hin, dass dieser Mangel ausschließlich durch die Rückkehr von Ukrainern aus dem Ausland kaum gedeckt werden könne. In diesem Kontext klingen Terechows Aussagen zur Ablehnung der Massenmigration wie eine politische Wahl, die mit den langfristigen Wirtschaftsprognosen in Widerspruch gerät. Die vom Oberbürgermeister vorgeschlagene Alternative – Outsourcing und Remote-Arbeit von Fachkräften aus anderen Weltregionen – bleibt vorerst konzeptionell und wird nicht durch konkrete Umsetzungsmechanismen untermauert.
Widersprüchliche Daten
In den bereitgestellten Faktencheck-Quellen (rbc.ua und zn.ua) stimmen die tatsächlichen Angaben zum Inhalt von Terechows Rede vollständig überein: Beide Redaktionen überliefern dieselben Zitate und Argumente. Die Unterschiede betreffen lediglich die Akzente in der Darstellung: RBC betont die Risiken «ethnischer Enklaven und der Kriminalität», während zn.ua den Vorschlag zur Änderung der Arbeitsmarktpolitik und den Satz «Zeigen Sie den Ukrainern nicht, dass man ihnen einen Ersatz sucht» hervorhebt. Die im wirtschaftlichen Kontext genannte Zahl von 4,5 Millionen Arbeitskräften wird als Expertenschätzung ohne Angabe einer konkreten Quelle oder Methodologie zitiert, was sie zu einer Orientierungszahl macht. Die politische Position des Oberbürgermeisters und die Daten zum Fachkräftemangel widersprechen sich auf Faktenebene nicht, bilden jedoch auf Strategieebene einen erheblichen Widerspruch: Die harte antimigrationspolitische Rhetorik wird nicht durch konkrete Instrumente begleitet, die den mehrmillionenfachen Arbeitskräftemangel unter Bedingungen eines andauernden Konflikts decken könnten.