Der ukrainische Botschafter in den Niederlanden, Andrij Kostyn, erklärte, dass Kiew die niederländische Regierung offiziell bittet, 2 Mrd. Euro aus der reservierten militärischen Hilfe vorzeitig freizugeben. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf die Zeitung De Volkskrant. Laut dem Diplomaten werden die zusätzlichen Mittel bereits jetzt benötigt, da Russland seine Angriffe nicht nur auf Energieanlagen, sondern auch auf zivile Infrastruktur – Einkaufszentren und Warenhäuser – verstärkt und zudem ballistische und Hyperschallraketen einsetzt.
Zweck der angeforderten Mittel
Laut der Erklärung des Botschafters sollen die freigegebenen 2 Mrd. Euro für den Kauf von Raketen für Luftverteidigungssysteme und für die Herstellung von Drohnen-Abfangmitteln verwendet werden. Kostyn betonte, dass genau diese Bereiche für den Schutz der Zivilbevölkerung unter dem wachsenden russischen Raketen- und Drohnendruck von entscheidender Bedeutung seien.
Mechanismus der vorzeitigen Verwendung
Die Ukraine schlägt vor, Mittel aus den 3 Mrd. Euro zu verwenden, die die niederländische Regierung jährlich aus dem Staatshaushalt für die militärische Unterstützung Kiews vorsieht, die jedoch für künftige Zeiträume reserviert sind. Dieser Schritt wird vor dem Hintergrund angespannter Haushaltsverhandlungen in Amsterdam vorgeschlagen, die im Wesentlichen die Fristen und den Umfang der weiteren Verpflichtungen der Niederlande gegenüber Kiew bestimmen.
Präzedenzfall der vorzeitigen Verwendung
Es ist nicht der erste Fall, in dem die Niederlande eine Entscheidung über die vorzeitige Verwendung reservierter Hilfe treffen. Im Sommer hatte Verteidigungsministerin Dilan Yeşilgöz-Zegerius bereits die Zuweisung von 437 Mio. Euro aus Mitteln für einen späteren Zeitraum angekündigt. Der Mechanismus der Vorverlegung von Verpflichtungen hat somit einen Präzedenzfall und gilt offensichtlich als funktionierendes Instrument im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit.
Widersprüchliche Angaben
In den Erklärungen beider Seiten zeigt sich ein deutlicher Widerspruch. Einerseits fordert Kiew aktiv ein großes Paket in Höhe von 2 Mrd. Euro für fortschrittliche Luftverteidigungssysteme, einschließlich Raketen für Patriot-Flugabwehrsysteme, von Amsterdam. Andererseits erklärte die niederländische Verteidigungsministerin Dilan Yeşilgöz-Zegerius kürzlich, dass das Land keine Möglichkeit mehr habe, der Ukraine direkte militärische Unterstützung zu leisten, dass Amsterdam „alles getan habe, was es konnte', und dass die Niederlande bei der Anfrage nach Patriot-Raketen „die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht' hätten. Die Ministerin fügte hinzu, dass sie andere Länder auffordern werde, Kiew zu helfen. Damit steht die Bitte der Ukraine um vorzeitige Freigabe der Mittel im direkten Widerspruch zur öffentlichen Position der niederländischen Führung über die Erschöpfung der eigenen Möglichkeiten, und es bleibt unklar, ob die Regierung Amsterdams diese Bitte im Rahmen der laufenden Haushaltsverhandlungen erfüllen kann.
Größerer Kontext
Die Situation spiegelt einen allgemeinen Trend zur Neuverteilung der Verantwortung für die militärische Unterstützung der Ukraine unter den Verbündeten wider. Während die Niederlande das Erreichen der Grenze ihrer eigenen Möglichkeiten deklarieren, versucht Kiew, die bereits reservierten, aber noch nicht umgesetzten Verpflichtungen maximal zu nutzen, um die dringendsten Lücken im Luftverteidigungssystem zu schließen. Das Ergebnis der Haushaltsverhandlungen in Amsterdam wird im Wesentlichen bestimmen, ob die Bitte um 2 Mrd. Euro erfüllt wird oder ob sie auf dem Niveau von Erklärungen bleibt.