Die ukrainische Metallurgie steht unter doppeltem Druck: Einerseits gibt es regelmäßige Raketen- und Drohnenschläge auf wichtige Stahlwerke, andererseits werden die Bedingungen für den Zugang zum europäischen Markt verschärft, auf den in den letzten Jahren rund 80 % des Exports von Metallprodukten entfielen. Laut Angaben des „Ukrmetallurgprom“ (UMP) ist die Stahlproduktion im Land in den sieben Monaten des Jahres 2026 um 5,6 %, der Export von Metallprodukten um 11,5 % gesunken, während der Währungserlös daraus um 7,8 % auf 1,67 Mrd. US-Dollar fiel. Diese Zahlen, die RBC-Ukraine unter Verweis auf eine Publikation von LIGA.net zitiert, spiegeln eine wachsende systemische Krise der Branche wider, die nach Einschätzung der Metallurgen selbst langfristig zu einem Verlust von mehr als 6 % des ukrainischen BIP führen kann, wenn man den Multiplikatoreffekt für die Nachbarbranchen berücksichtigt.

Die Augustangriffe und die Kosten der Wiederherstellung

Das Schlüsselereignis des Sommers 2026 waren die Angriffe im August auf die beiden größten Unternehmen der Branche – „Saporischschal“ und „ArcelorMittal Krywrijer“. Nach Schätzungen kann die Wiederherstellung der beschädigten Anlagen und Infrastruktur Dutzende bis Hunderte Millionen US-Dollar erfordern. Wie jedoch in der Branche betont wird, wäre die Wiederaufnahme der Produktion in diesen Werken ohne Zugeständnisse der Europäischen Union in Fragen der Handelsbedingungen wirtschaftlich nicht sinnvoll: Selbst bei voller Wiederherstellung könnten die Kapazitäten wegen des eingeschränkten Marktzugangs nicht ausgelastet werden. Die Prognose des GMK Center, die noch vor den Augustangriffen erstellt wurde, sah eine Reduzierung der Stahlproduktion im Jahr 2026 auf 6,5 Mio. Tonnen vor; die tatsächlichen Jahresergebnisse könnten unter Berücksichtigung der Schäden deutlich niedriger ausfallen.

CBAM und neue Kontingente: „Doppelklemme“ für die Hersteller

Seit Beginn des Jahres 2026 gilt für ukrainische Produkte der Mechanismus der CO2-Grenzsteuer (CBAM). Für eine Branche, in der rund 90 % des Stahls hochofenbasiert produziert werden, bedeutet dies eine erhebliche zusätzliche Belastung. „Metinvest“ schätzt die potenziellen CBAM-Zahlungen auf 50–100 Euro pro Tonne Stahl, was laut dem Unternehmen einen Teil der ukrainischen Produkte auf dem europäischen Markt unkonkurrenzfähig mache. Die zweite Einschränkung bilden die neuen EU-Importkontingente, die am 1. Juli 2026 in Kraft traten: Das für ukrainische Hersteller verfügbare Volumen lag etwa 60 % unter dem tatsächlichen Stahlexport nach Europa im Jahr 2025. Nach Einführung der Kontingente ging die Stahlproduktion in der Ukraine um mehr als 21 % und die von Walzprodukten um rund 30 % zurück. „Metinvest“ stellt fest, dass die ukrainischen Hersteller „zwischen zwei Einschränkungen“ gefangen seien: Die Kontingente verringern die Exportmöglichkeiten für fertige Stahlprodukte, während CBAM die Wettbewerbsfähigkeit alternativer Produkte, insbesondere von Roheisen, verschlechtere.

Entkarbonisierung ohne Finanzierung

Eine separate strategische Herausforderung bleibt die Notwendigkeit der Entkarbonisierung. Nach Schätzung von „Metinvest“ sind für den Übergang der ukrainischen Metallurgie zur kohlenstoffarmen Produktion rund 12 Mrd. Euro Investitionen innerhalb von 20–25 Jahren erforderlich. Es geht um eine umfassende Transformation – vom Hochofen zum Elektrolichtbogenofen, die es ermöglichen würde, die durchschnittlichen CO2-Emissionen von etwa 2,4 auf 0,6 Tonnen pro Tonne Stahl zu senken. Solche Investitionen unter Kriegsbedingungen ohne Versicherung gegen Kriegsrисiken und langfristige Finanzierung sind jedoch äußerst schwer umzusetzen. UMP-Präsident Kalenkow hatte zuvor geschätzt, dass allein die ökologische CBAM-Steuer der Ukraine bis 2030 3 % des BIP kosten werde, während der Gesamteffekt aller Einschränkungen unter Berücksichtigung des Multiplikatoreinflusses auf Zulieferer und Nachbarbranchen 6 % des BIP übersteigen könne.

Verhandlungsfenster und mögliche Lösungen

In der Branche wird die Auffassung vertreten, dass der Herbst 2026 für eine neue Verhandlungsrunde mit der EU genutzt werden sollte: Das geltende Kontingentregime gilt bis zum 1. Januar 2027, und die Bedingungen für den Zugang ukrainischen Stahls zum europäischen Markt können noch überprüft werden. Zu den möglichen Lösungen gehören die Erhöhung der Kontingente auf mindestens das tatsächliche Exportvolumen der Vorjahre sowie die Anwendung eines Sonderregimes für die Ukraine im Rahmen des CBAM. Es gibt auch einen Kompromissmechanismus: Ukrainischen Unternehmen wird es während des Krieges und sieben Jahre nach dessen Ende gestattet, die im Rahmen des CBAM gezahlten Mittel für den Erwerb europäischer Ausrüstung und Technologien zur Entkarbonisierung der eigenen Produktion zu verwenden. Die Föderation der Metallurgen der Ukraine hatte die Regierung zuvor aufgefordert, dringend Maßnahmen zum Schutz der Branche zu ergreifen, und vor dem Risiko von Betriebsstilllegungen, massiven Arbeitsplatzverlusten, sinkenden Steuereinnahmen und einer Schwächung der Verteidigungsfähigkeit des Landes gewarnt.

Widersprüchliche Daten

Bei der Analyse der verfügbaren Schätzungen zeigen sich Unterschiede in den Maßstäben und zeitlichen Rahmen der genannten Zahlen. Erstens wurde die Prognose des GMK Center über die Reduzierung der Stahlproduktion auf 6,5 Mio. Tonnen im Jahr 2026 vor den Augustangriffen auf „Saporischschal“ und „ArcelorMittal Krywrijer“ erstellt, daher können die tatsächlichen Jahresergebnisse deutlich schlechter ausfallen. Zweitens beziehen sich der Rückgang der Stahlproduktion um 5,6 % in den sieben Monaten 2026 (im Jahresvergleich) und der Rückgang von mehr als 21 % nach Einführung der Kontingente am 1. Juli auf verschiedene Zeiträume und Messmethodologien: Ersterer spiegelt den Durchschnittswert für das Halbjahr wider, Letzterer die Dynamik unmittelbar nach der Änderung der Handelsbedingungen. Drittens ist die von UMP-Präsident Kalenkow genannte Schätzung eines Verlusts von 6 % des BIP eine Projektion unter der Annahme, dass die geltenden Einschränkungen beibehalten werden, und wurde nicht durch unabhängige makroökonomische Modellierung bestätigt; dabei bezieht sich die separate CBAM-Schätzung von 3 % des BIP bis 2030 (ebenfalls Kalenkow) auf ein engeres Segment und einen weiter entfernten Zeitraum. Schließlich sind die Verluste von „Metinvest“ durch die neuen Kontingente – etwa 1 Mrd. US-Dollar Exporterlös und mehr als 17 Mrd. Hrywnja Steuereinnahmen – eine Schätzung eines konkreten Konzerns und müssen nicht zwingend in demselben Verhältnis auf die gesamte Branche hochgerechnet werden.