Die Frage, ob die Ukraine den digitalischen Weg der Europäischen Union wiederholen sollte, bildete die Grundlage einer Expertenanalyse, die von eGA (E-Governance Academy) im Rahmen des EU-Projekts DT4UA durchgeführt wurde. Der leitende eGA-Experte Serhii Karelin verglich in einer Kolumne für RBC-Ukraine das europäische Programm Digital Decade 2030 und die ukrainische Globale Innovationsstrategie für digitale Entwicklung WINWIN bis 2030. Das Hauptfazit: Die Erstellung eines separaten strategischen Dokuments im europäischen Format um des Formats willen ist nicht zweckmäßig — wichtiger ist es, bestehende Strategien mit den europäischen Prioritäten abzustimmen, konkrete Kennzahlen und Finanzierungsquellen festzulegen.

Messbare Ziele der Digital Decade 2030 und tatsächlicher Fortschritt der EU

Die Europäische Union hat ihre Vision der digitalen Entwicklung im Programm Digital Decade 2030 verankert, das vier Bereiche umfasst: digitale Kompetenzen, Digitalisierung der Wirtschaft, Infrastrukturentwicklung und elektronische öffentliche Dienstleistungen. Ein Hauptmerkmal des europäischen Ansatzes ist die Messbarkeit: 80 % der Bevölkerung sollen über digitale Grundkompetenzen verfügen, die Zahl der IT-Fachkräfte soll 20 Millionen erreichen, Cloud-Technologien, Big Data oder KI sollen in 75 % der Unternehmen eingesetzt werden, und 100 % der wichtigsten Behördendiensten müssen online verfügbar sein. Der jährliche Bericht der Europäischen Kommission State of the Digital Decade hält fest, dass derzeit nur 60 % der Bevölkerung über Grundkompetenzen verfügen, was zeigt, dass die Transformation selbst bei einer klaren Strategie ein komplexer Prozess bleibt.

WINWIN: Eine Strategie aufgebaut auf dem Kontext von Krieg und Wiederaufbau

Die Ukraine hat die Globale Innovationsstrategie für digitale Entwicklung WINWIN Ende 2024 verabschiedet. Im Gegensatz zur europäischen Agenda berücksichtigt sie die Bedingungen eines umfassenden Krieges und die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus. Zu den Prioritäten gehören Verteidigungsinnovationen, Agrartechnologien, Medizin- und Biotechnologien sowie Raumfahrttechnologien. Verteidigungstechnologien haben für die Ukraine strategische Bedeutung, während sie in der Digital Decade nicht als eigener Bereich hervorgehoben werden; Agrartechnologien hingegen sind ein vielversprechender Bereich für die ukrainische Wirtschaft. Der Unterschied in den Schwerpunkten zeigt, dass die Ukraine und die EU unterschiedliche Aufgaben lösen.

Hauptlücken der ukrainischen Strategie

Nach Einschätzung des Autors bleiben die Hauptschwächen von WINWIN das Fehlen eines festgeschriebenen Budgets, unklare Indikatoren in bestimmten Bereichen und die Notwendigkeit einer Annäherung der Gesetzgebung an die europäischen Anforderungen — insbesondere an GDPR, den Digital Services Act, den Digital Markets Act und eIDAS 2.0. Genau diese Elemente und nicht die formale Ähnlichkeit der Dokumente bestimmen die echte Kompatibilität mit dem europäischen digitalen Raum.

Braucht die Ukraine eine separate digitale Agenda

Der Experte kommt zu dem Schluss, dass eine separate Digital Agenda nach europäischem Vorbild nicht erforderlich ist: In der EU selbst gibt es keinen einheitlichen Ansatz für Strategieformate, und entscheidend ist die Effizienz der Umsetzung. Das Ziel der digitalen Eurointegration sind kompatible Systeme und bequeme Dienstleistungen und keine identischen Dokumente. Daher ist es rationaler, bestehende Strategien mit den europäischen Prioritäten abzustimmen, Kennzahlen und Finanzierungsquellen zu konkretisieren.

Wettbewerbsvorteile der Ukraine

Die Ukraine verfügt bereits über ein entwickeltes System elektronischer öffentlicher Dienstleistungen, eigene technologische Lösungen und eine einzigartige Cybersicherheitserfahrung, die über mehr als ein Jahrzehnt der Abwehr von Cyberbedrohungen gesammelt wurde. Diese Aktiva sollten nach Ansicht des Experten die Grundlage für den Dialog mit der EU bilden: Die digitale Transformation bleibt ein wichtiger Teil des eurointegrativen Weges, aber ihre Logik muss auf dem ukrainischen Kontext beruhen und nicht auf dem mechanischen Kopieren des europäischen Formats.