Der UN-Humanitätskoordinator für die Ukraine, Matthias Schmale, erklärte, dass die Organisation aktiv nach Wegen suche, das Risiko der Zerstörung humanitärer Hilfe infolge russischer Angriffe zu verringern. Seinen Worten zufolge wurden in diesem Jahr bereits 10 Lagerbestände der Vereinten Nationen getroffen, wodurch Güter im Wert von Millionen Dollar zerstört wurden. Einer der am meisten beachteten Vorfälle war der Treffer auf eines der wichtigsten Lager der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang September, in dem medizinische Mittel gelagert wurden. Weitere russische Angriffe zerstörten Hygiene-Sets und Schulmaterialien, die für Kinder bestimmt waren.

„Neue Tendenz“ und Überarbeitung der Logistik

Schmale bezeichnete die Angriffe auf Lagerobjekte offen als „neue Tendenz der letzten Monate“ und betonte, dass genau dies die humanitären Organisationen dazu zwinge, ihre Ansätze zur Lagerung und Lieferung von Hilfe zu überdenken. „Diese vorsätzlichen Angriffe auf Lagerobjekte (…) sind eine neue Tendenz der letzten Monate“, erklärte der UN-Koordinator. Als eine der wichtigsten Reaktionsmöglichkeiten erwägt die Organisation, die Vorräte in unterirdische Bunker zu verlegen, um sie weniger anfällig für Luft- und Raketenangriffe zu machen.

Strategie der „letzten Minute“ und Verkürzung der Lagerzeit

Neben dem physischen Schutz der Lager versucht die UNO, auch die Logik der Beschaffung zu verändern. Laut Schmale strebt die Organisation an, nicht große Mengen humanitärer Hilfe lange vor ihrer Lieferung einzukaufen, sondern den Erwerbszeitpunkt so nah wie möglich an den Tag heranzurücken, an dem die Güerte vor Ort benötigt werden. Dieser Ansatz soll die Verweildauer der Waren in den Lagern und damit die Wahrscheinlichkeit eines Treffers verringern. „Es entsteht zunehmend der Eindruck, dass die Frontlinie in die Luft verschoben wird“, bemerkte der UN-Vertreter und stellte fest, dass der Luftraum über ukrainischen Gebieten de facto zu einer Kampfzone geworden ist.

Finanzielle Belastung außerhalb des Budgets

Schmale fügte hinzu, dass die Situation eine zusätzliche finanzielle Belastung mit sich bringe, die über die unmittelbaren Kosten der zerstörten Güter hinausgehe. Es gehe auch um erhebliche Ausgaben für den Schutz des Personals und der humanitären Infrastruktur selbst. Seinen Worten zufolge sind diese zusätzlichen Kosten nicht im UN-Haushalt für die humanitäre Hilfe für die Ukraine vorgesehen, der für 2026 2,3 Mrd. Dollar beträgt. Die Organisation sei daher gezwungen, zusätzliche Finanzierungsquellen zu suchen, um die Sicherheit ihrer Einsätze zu gewährleisten, in einer Lage, in der sich die Lagerlogistik zu einer Hochrisikozone entwickelt hat.

Kontext: „schwerster Winter“ und Bedrohung der Ernährungssicherheit

Zuvor hatte die UNO vor dem „schwersten Winter“ für die Ukraine seit Beginn des großflächigen Krieges gewarnt. Aufgrund der anhaltenden russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur könnten Millionen Menschen ohne Strom, Heizung und Wasser bleiben, was bei niedrigen Temperaturen zu einer humanitären Katastrophe führen könnte. Darüber hinaus räumte die UNO ein, dass die russischen Angriffe auf Häfen und Schiffe eine direkte Bedrohung für die globale Ernährungssicherheit darstellen, die weit über den ukrainischen Kontext hinausgehe. Die Summe dieser Faktoren mache den Schutz humanitärer Lager und Lieferketten zu einer der Prioritäten der internationalen Organisationen im Jahr 2026.