Ballistische und aeroballistische Raketen sowie strahlgetriebene Drohnen stellen für die Mittel der elektronischen Kampfführung (EK) eine deutlich schwierigere Aufgabe dar als herkömmliche Drohnen. Dies erklärte Mitgründer des EK-Herstellers Contra-Drone, Timofei Jurkow, in einem Interview mit RBC-Ukraine. Nach seinen Worten liegt der entscheidende Unterschied in der Flughöhe: Eine ballistische Rakete erfasst ihr Ziel auf Höhen, die von den meisten EK-Mitteln schlicht nicht erreicht werden, und das Signal der Navigationssatelliten kommt unter günstigeren Bedingungen an als bei einem niedrig fliegenden UAV.
Ballistik: GNSS-Schwachstelle in großer Höhe
Jurkow erläuterte, dass ballistische Raketen primär das GNSS-System zur Zielführung verwenden, was sie theoretisch für Störungen angreifbar macht. In der Praxis ist es jedoch äußerst schwierig, gegen sie vorzugehen: Die Flughöhe ist so groß, dass das EK-Signal entweder nicht ankommt oder nicht stark genug ist, um Störungen zu erzeugen. Der Experte merkte zudem an, dass bereits eine Abweichung der Rakete um 20–40 Meter vom vorgesehenen Kurs ausreichen kann, um einen direkten Treffer zu vermeiden. Das Problem wird durch die Taktik der Massenschüsse verschärft: Russland sendet auf ein einzelnes Ziel häufig fünf bis sechs, manchmal sogar rund zehn Raketen, sodass selbst bei Streuung eine oder zwei von ihnen das Objekt treffen können.
Aeroballistik und nichtballistische Flugbahnen: etwas einfacher, aber weiterhin schwer
Bei Raketen mit nichtballistischer Flugbahn ist die Lage nach Einschätzung Jurkows etwas einfacher. Fliegt die Rakete auf einer Höhe von 2–6 km, kann bereits Störung eingesetzt werden, um sie von ihrem Kurs abzulenken. Dennoch sind solche Raketen deutlich besser gegen den Einfluss der EK geschützt als herkömmliche UAV, und ihre Zielabweichung ist in der Regel kleiner. Das bedeutet, dass selbst eine teilweise Störung keinen vollständigen Abbruch des Angriffs garantiert.
Lenkbomben: lineare Flugbahn als Faktor, aber Sprengmasse als Risiko
Bezüglich Lenkbomben (KAB) sieht die Lage für die EK-Mittel etwas günstiger aus. Sie fliegen auf geringerer Höhe und mit einer lineareren Flugbahn, die berechnet und rechtzeitig mit dem entsprechenden Störsignal abgedeckt werden kann. „In den meisten Fällen verhindert eine rechtzeitige Reaktion und rechtzeitige Störung der Lenkbomben durch EK einen direkten Treffer auf das Ziel“, betonte Jurkow. Er warnte jedoch: Lenkbomben haben eine erhebliche Masse an Sprengstoff, sodass eine Abweichung um 20–30 Meter nicht immer garantiert, dass das Objekt nicht durch die Druckwelle und Splitter beschädigt oder zerstört wird.
Einsatztaktik der Lenkbomben und die Rolle der Luftabwehr
Die Einsatzreichweite der Lenkbomben ist deutlich kleiner als die ballistischer und aeroballistischer Raketen: Für ihren Abwurf muss ein russisches Flugzeug sich etwa 40–50 km vom Objekt entfernt befinden. Das birgt für es ein erhebliches Risiko durch die ukrainische Luftabwehr. Infolgedessen bleiben vorwiegend grenznah gelegene Städte die Hauptziele für Lenkbomben, wo es den ukrainischen Truppen schwerer fällt, die Luftabwehrmittel in die Abwurfzone zu verlegen. Die Effektivität der EK gegen Lenkbomben hängt daher in hohem Maße von der rechtzeitigen Erkennung und der Reaktionsgeschwindigkeit der Bediener ab.
Kontext: Eskalation und Anpassung
Die Expertise Jurkows fügt sich in den breiteren Kontext der Anpassung beider Konfliktparteien ein. RBC-Ukraine hatte zuvor berichtet, wie Abfangdrohnen auf strahlgetriebene „Schehedy“ jagen und warum diese Aufgabe mit steigender Geschwindigkeit feindlicher UAV immer schwieriger wird, sowie ob die Drohnenraketen „Bandierol“, deren Flugprofil dem von Marschflugkörpern und strahlgetriebenen Drohnen nahekommt, effektiv abgeschossen werden können. Die Gesamtheit dieser Faktoren – steigende Geschwindigkeiten, veränderte Flugbahnen, Massenschüsse – macht die Bekämpfung einer multivektoralen Luftbedrohung zu einer der Schlüsselherausforderungen für die ukrainische Verteidigung im Jahr 2026.