Die Frage, ob man ein Spenderorgan „ohne Warteschlange“ oder im Umgehen des offiziellen Systems erhalten kann, taucht in der ukrainischen Gesellschaft regelmäßig vor dem Hintergrund von Gerüchten über illegale Transplantationen auf. Der Kardiochirurg und Transplantationsmediziner des Zentrums für Kardiologie und Kardiochirurgie des Gesundheitsministeriums der Ukraine, Serhij Mochnatyj, hat im Interview mit RBC-Ukraine die Funktionsweise des Transplantationssystems im Detail aufgebrochen und erklärt, warum Mythen über „Schwarzbrenner-Transplantationen“ einer Kritik nicht standhalten.
Wie ein Patient in die Warteschlange eintritt und was Dringlichkeitsklassen sind
Der Prozess der Aufnahme eines Patienten in die Warteliste für eine Organtransplantation beginnt mit der Arbeit des Transplantationskoordinators. Genau dieser Fachmann reicht die entsprechenden Dokumente ein und dokumentiert, in welcher Dringlichkeitsklasse sich der konkrete Patient befindet. Bevor eine Person in die Warteschlange aufgenommen wird, prüft ein Team von Fachleuten, ob alle erforderlichen Untersuchungen in vollem Umfang durchgeführt wurden. Laut Mochnatyj regulieren die Transplantationszentren jede Phase, damit alles strikt gemäß der geltenden Gesetzgebung der Ukraine abläuft.
Ein Team von 20 Personen hinter einer Transplantation
Ein zentrales Argument des Experten gegen Mythen über „unterground“-Transplantationen ist der Umfang des bei jeder Operation eingesetzten Teams. Mochnatyj präzisierte, dass im Zentrum für Kardiologie und Kardiochirurgie des Gesundheitsministeriums zwei Transplantationskoordinatoren, sechs Chirurgen und Anästhesisten tätig sind. Ein Teil von ihnen fährt zur Organentnahme beim Spender, die anderen zur Implantation beim Empfänger. „Derselbe Chirurg kann beide Phasen nicht gleichzeitig durchführen“, betonte der Arzt. Insgesamt, so seine Einschätzung, arbeiten etwa 20 Personen gleichzeitig daran, ein Organ zu transplantieren. „Wenn von einer Transplantation unter irgendwelchen ‚Schwarzbrenner-Bedingungen‘ die Rede ist, ist das praktisch unmöglich“, stellte Mochnatyj fest und fügte hinzu, dass es physisch unrealistisch sei, ein illegales Zentrum zu schaffen, dessen Existenz niemand kennen würde.
Lässt sich die Warteschlange beschleunigen: Was der Transplantationsmediziner sagt
Die direkte Antwort des Experten auf die populäre Frage, ob man die Warteschlange „überspringen“ kann, ist ein kategorisches „Nein“. „Die Warteschlange lässt sich nicht beschleunigen“, erklärte Mochnatyj. Gleichzeitig beschrieb er die einzige legale Situation, in der ein Patient seine Priorität ändert: Wenn eine Person, die sich in der dritten Dringlichkeitsklasse für eine Herztransplantation befindet, sich plötzlich verschlechtert und an ein Gerät zur extrakorporalen Kreislaufunterstützung angeschlossen wird, reicht der Transplantationskoordinator Dokumente darüber ein, dass der Patient eine neue Behandlungsform erhalten hat und in die erste Dringlichkeitsklasse übergeht. Dies ist der einzige Mechanismus zur Änderung der Position in der Warteschlange und er ist vollständig dokumentiert.
Wie lange man tatsächlich auf ein Spenderherz warten muss
Laut Mochnatyj variieren die Wartezeiten auf ein Spenderorgan. Der schnellste dokumentierte Fall, den der Expert erzählte, betrug drei bis vier Wochen. Dabei betont der Arzt, dass selbst diese Zeitspanne für einen Patienten, der auf eine Herztransplantation wartet, lang ist. Die Chancen, ein Organ zu erhalten, steigen seinen Worten zufolge, wenn die Klinik eine große Anzahl von Verträgen mit anderen medizinischen Einrichtungen hat, in denen potenziell Spender identifiziert werden könnten. Je breiter das Netzwerk der Zusammenarbeit zwischen den Zentren ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ein kompatibles Organ rechtzeitig zu finden.
Kontext: Die ukrainische Transplantationsmedizin im Jahr 2026
Das Interview mit Mochnatyj erfolgte vor dem Hintergrund der fortlaufenden Entwicklung des Transplantationsprogramms in der Ukraine. Zuvor hatten ukrainische Mediziner erstmals eine Herztransplantation bei einem Kind durchgeführt, das eine komplexe Fontan-Operation hinter sich hatte – ein bedeutender Erfolg für die pädiatrische Kardiochirurgie des Landes. Die fachliche Aufschlüsselung der Systemmechanismen durch den Arzt des Zentrums für Kardiologie und Kardiochirurgie des Gesundheitsministeriums zielt darauf ab, das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der offiziellen Transplantationsinfrastruktur zu verringern und in der Gesellschaft zirkulierende Falschmeldungen über illegale Organentnahmen zu widerlegen.