Der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyj hat in einem Interview mit dem deutschen Fernsehsender ZDF erklärt, dass die Regierung die Durchführung von Wahlen in einem Online-Format in Betracht ziehen könnte. Seinen Worten zufolge könnte ein Großteil der Bürger unter den Bedingungen des anhaltenden Krieges physisch nicht an der Abstimmung teilnehmen, was das traditionelle Wahlformat ungerecht mache. Zelenskyj betonte, dass Millionen von Militärangehörigen in den Schützengräben lägen und technisch nicht die Möglichkeit hätten, abzustimmen, weshalb die Organisation der Wahlen einen unkonventionellen Ansatz erfordere.
'Soldaten koennen nicht waehlen — das ist zu hundert Prozent ungerecht'
Im Interview mit dem ZDF begründete das Staatsoberhaupt seine Position ausführlich und wies darauf hin, dass die Streitkräfte an der Front faktisch ihres Wahlrechts beraubt seien. „Die Streitkräfte sind an der Front, sie sind auch gegen Wahlen, weil sie keine Möglichkeit haben, abzustimmen. Ist das etwa gerecht? Millionen Menschen befinden sich in Schützengräben, und es ist technisch unmöglich, das zu organisieren“, erklärte Zelenskyj. Er fügte hinzu, dass gerade die Soldaten als Erstes das Staatsoberhaupt wählen sollten, da „sie die Unabhängigkeit bewahrt haben und sie weiterhin bewahren“. Seiner Überzeugung nach ist der Soldatenberuf in Kriegszeiten der wichtigste, und da die Militärangehörigen ihr Leben riskieren, sei es „zu hundert Prozent ungerecht“, Wahlen abzuhalten, bei denen sie nicht mitbestimmen können.
Online-Wahlen: Technische Machbarkeit und gesetzgeberisches Vakuum
In Bezug auf mögliche Alternativen ließ Zelenskyj die Durchführung von Wahlen in einem digitalen Format zu. „Es ist möglich, aber dann muss das Parlament eine Lösung suchen und finden“, stellte der Präsident fest. Damit wälzte er die Verantwortung für die Ausarbeitung der rechtlichen und technischen Grundlagen für Online-Wahlen auf die Werchowna Rada ab. Zum Zeitpunkt der Aussage des Präsidenten war im Parlament kein konkreter Gesetzentwurf zur Regelung der Fernwahl verabschiedet worden, und das bestehende Wahlrecht enthält keine Mechanismen für rein digitale Wahlen.
Probleme der 'Diia'-Plattform und die Haltung des Parlamentssprechers
Wie bereits von RBC-Ukraine berichtet, erklärte der Vorsitzende der Werchowna Rada, Ruslan Stefantschuk, dass Wahlen über die App „Diia“ zum aktuellen Zeitpunkt unmöglich seien. Er wies auf eine Reihe von „Fallstricken“ hin, die sich bei der Nutzung dieses Dienstes während der Abstimmung beim „Eurovision“-Wettbewerb gezeigt hätten. Laut Stefantschuk erlauben die technischen und rechtlichen Beschränkungen der Plattform keine Garantie für Vertraulichkeit, Richtigkeit und Sicherheit der Stimmen im Maßstab landesweiter Wahlen. Gleichzeitig merkte er an, dass das Parlament aktiv an einem Gesetz arbeite, das den Ablauf von Wahlen unter Kriegsrecht regeln soll, wobei die konkrete Durchführung derzeit „absolut unmöglich“ sei.
Kontext: Wahlen in Kriegszeiten — ein systemisches Problem
Die Frage der Organisation von Wahlen in der Ukraine vor dem Hintergrund des anhaltenden Konflikts bleibt eines der meistdiskutierten Themen in politischer und rechtlicher Hinsicht. Einerseits gibt es internationalen Druck und interne Forderungen zur Einhaltung demokratischer Normen und der Machtrotation. Andererseits machen objektive militärische Einschränkungen eine traditionelle Stimmabgabe in Wahllokalen für einen Großteil der Bevölkerung, einschließlich Militärangehöriger, Binnenvertriebener und Bewohner der vorübergehend besetzten Gebiete, unrealistisch. Zelenskyjs Initiative zur Prüfung eines Online-Formats spiegelt somit den Versuch wider, einen Kompromiss zwischen der Legitimität des Wahlprozesses und seiner technischen Realisierbarkeit unter extremen Bedingungen zu finden.