Ein militärisches Rufzeichen ist nicht nur eine praktische Abkürzung für den Funkverkehr. Für einen Kämpfer wird es zu einem zweiten Namen, der die Geschichte einer bestimmten Person, ihren Charakter, eine Tat oder sogar ein ganzes Kapitel aus dem Leben der Einheit in sich trägt. Das erzählte Kateryna Hurnewytsch, Leiterin des Projekts „Wytoky“ der Zagoriy Foundation, exklusiv gegenüber Styler und stützte sich dabei auf Materialien der digitalen Publikation „Leitfaden der militärischen Traditionen“, die von Forschern und aktiven Soldaten vorbereitet wurde. Ihrer Ansaget nach kann das Rufzeichen vom Kämpfer selbst gewählt, von Waffenbrüdern während der Grundausbildung vorgeschlagen oder während des Dienstes in der Einheit zugewiesen werden — und in jedem dieser Fälle verbirgt sich hinter einem kurzen Wort ein ganz eigenes Narrativ.

Von der Nachnamensabkürzung bis zum Charakterzug

Die häufigste Art der Entstehung eines Rufzeichens ist die Abkürzung des Nachnamens. So wird der Hauptfeldwebel der 28. Brigade, Maksym Palamartschuk, in seiner Einheit Palamar genannt. Aber keineswegs immer wird der Name aus Dokumenten übernommen. Hurnewytsch merkt an, dass Waffenbrüder das Rufzeichen oft anhand eines erkennbaren Charakterzugs oder Äußeren „vortragen“: Einem schlichen Kämpfer gibt man den Namen Lis (Fuchs), dem Ältesten in der Kompanie Ded (Opa) oder Batja. Die Grundlage für einen neuen Namen können ein Schülerspitzname, der Name der Heimatstadt oder des Heimatdorfes, ein Beruf, ein Hobby oder sogar ein Vorfall sein, an den sich die Kameraden erinnern. Schließlich wird das Rufzeichen zu jenem Etikett, an dem man eine Person in der Einheit schneller erkennt als an ihrem echten Nachnamen.

Persönliche Bedeutung und Symbolik

Für den Soldaten selbst erlangt das Rufzeichen oft eine tiefe persönliche Bedeutung. Hurnewytsch nennt das Beispiel von Oleksandr mit dem Rufzeichen Kremen (Feuerstein), dem Helden des Artikels „Amulette ukrainischer Krieger“ im Leitfaden „Wytoky“. Den Worten des Kämpfers nach hört er in diesem Namen Standhaftigkeit und innere Stärke — Eigenschaften, die seiner Ansicht nach an der Front unerlässlich sind. Ein anderer anschaulicher Fall ist mit einer konkreten Tat verbunden: Der Melder Mychajlo Olijnyk erhielt das Pseudonym Veter (Wind), weil er innerhalb von 15 Minuten eine verschlüsselte Notiz zum Stützpunkt brachte. Die Schnelligkeit und Genauigkeit dieser Handlung wurden für die Waffenbrüder zum Anlass, ein Image um ihn herum zu verankern, das ihn seither in der Einheit begleitet.

Historische Wurzeln: Von Kosaken bis OUN und UPA

Die Tradition des „zweiten Namens“ in der ukrainischen Militärgemeinschaft reicht weit über die Moderne hinaus. Unter Saporoger Kosaken waren Spitznamen verbreitet, die mit der Zeit zu Familiennamen werden konnten. Der Namenswechsel war dabei Teil des Rituals des Eintritts in die Militärgemeinschaft — wer einen neuen Namen erhielt, trat gewissermaßen in einen neuen sozialen Status ein. Im Umfeld von OUN und UPA wurden Pseudonyme vor allem zur Verschwörung genutzt: Wenn Ermittler nur das Pseudonym kannten, waren Waffenbrüder und Verwandte weniger gefährdet, betont Hurnewytsch. Seit 2014 war die Verwendung von Rufzeichen in Freiwilligenbataillonen insbesondere mit der Notwendigkeit verbunden, die Identität im Funkverkehr zu verbergen, was eine konspirative Praxis zur Alltagspraxis machte.

Eigenständige Wahl und kultureller Einfluss

Nicht alle Rufzeichen entstehen „von oben“ oder durch Waffenbrüder. Ein Teil der Kämpfer wählt seinen zweiten Namen eigenständig, oft unter dem Eindruck von Gelesenem oder Gesehenem. Anna Iwanytska wurde beispielsweise zu Motria, nachdem sie ein Buch aus dem Lesesaal von „Proswita“ gelesen hatte. Solche Beispiele zeigen, dass ein Rufzeichen im militärischen Umfeld sowohl eine kollektive Entscheidung der Einheit als auch eine tiefgreifende individuelle Wahl sein kann, die das persönliche kulturelle Gepäck eines Menschen widerspiegelt. Hurnewytsch betont: „Jede Tradition hatte einst ihren Anfang. Genau wie heute entstehen viele Bräuche vor unseren Augen. Das sind Praktiken, die das Militär heute schafft, weitergibt und mit eigener Vision füllt.“

„Leitfaden der militärischen Traditionen“: Wie die Publikation entstand

Die Materialien, auf die sich Hurnewytsch stützt, sind in der kostenlosen digitalen Publikation „Leitfaden der militärischen Traditionen“ gesammelt, die von den Projekten „Galt“ und „Wytoky“ erstellt wurde. An dem Leitfaden arbeiteten 30 Experten — Historiker, Ethnografen, Anthropologen und Personen mit militärischer Erfahrung. Etwa 30 moderne Einheiten der ukrainischen Streitkräfte teilten ihre Traditionen und erklärten deren Bedeutung. Partner der Publikation wurden „Lokalna Istorija“, die militaristische Gesellschaft D3 TEAM und das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Die Autoren planen, den Leitfaden zu ergänzen: Am Ende der Publikation befindet sich ein Formular, über das Militärangehörige von Traditionen berichten können, die es nicht in die erste Version geschafft haben. Separat haben „Galt“ und „Wytoky“ einen praktischen Ratgeber zur Einführung von Traditionen in modernen militärischen Einheiten vorbereitet.