Auf der vorübergehend besetzten Atomkraftanlage Saporischsja (AKS) bleibt die Lage der Kernsicherheit aus Sicht des ukrainischen Betreibers kritisch. Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf die Pressestelle des „Energoatom“ berichtet, erhöht die langandauernde Nutzung der Not-Dieselgeneratoren das Risiko eines Ausfalls von Ausrüstung, die für den sicheren Betrieb der Anlage erforderlich ist. Der tatsächliche Zustand der AKS weist laut Angaben des Unternehmens auf eine systematische Verletzung der grundlegenden Grundsätze der Kernsicherheit hin.
Der siebenundzwanzigste… nein, der siebenundzwanzigste Blackout und der Verlust der externen Stromversorgung
Das „Energoatom“ betont, dass es sich um den 27. Fall einer vollständigen Stromunterbrechung der Anlage seit Beginn des großangelegten russischen Einmarsches handelt. Nach dem Verlust der externen Stromversorgung, die seit dem 20. August fehlt, musste die AKS auf Dieselgeneratoren umstellen. Die Notanlagen werden nach Einschätzung des Unternehmens seit mehr als zwei Wochen als Hauptstromquelle eingesetzt und arbeiten dabei in nicht projektierten Betriebsmodi, für die sie nicht ausgelegt sind.
Risiko eines gemeinsamen Ausfalls und „Kaltstand“ der Blöcke
Laut Einschätzung des „Energoatom“ erhöht die langandauernde Nutzung der Notsysteme das Risiko eines gemeinsamen Ausfalls von Ausrüstung – ein Szenario, das das Unternehmen zu den gefährlichsten Bedrohungen der Kernsicherheit zählt. „Die ständigen zyklischen Starts und Umschaltungen unter Last erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls der Startautomatik erheblich“, erklärte das Unternehmen. Alle Energieblöcke der AKS befinden sich seinen Angaben zufolge im „Kaltstand“, doch die langandauernde Stromunterbrechung birgt das Risiko, die Kontrolle über wesentliche Sicherheitssysteme zu verlieren, darunter über die Systeme zur Überwachung der Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente und andere technologische Parameter.
Position der IAEA und die Frage einer lokalen Feuerpause
Am 5. September erklärte der Generaldirektor der IAEA, Rafael Grossi, die Notwendigkeit einer lokalen Feuerpause in der Nähe der Anlage, um Arbeiten zur Wiederherstellung der externen Stromversorgung durchzuführen. Laut ukrainischen Quellen arbeitet die Organisation an einer neuen Feuerpause-Zone im Bereich der AKS. Das „Energoatom“ erinnert zudem daran, dass jeder neue Blackout den technischen Zustand der Ausrüstung, insbesondere der Dieselgeneratoren, zusätzlich verschlechtert. Außerdem nutzen russische Streitkräfte nach Angaben der ukrainischen Seite nach der Übernahme der Anlage deren Gelände zu militärischen Zwecken – sie lagern Waffen und Ausrüstung und starten Angriffsdrohnen, was zusätzliche Risiken schafft.
Widersprüchliche Daten
Hier ist es wichtig, die unterschiedlichen Schwerpunkte der Quellen ehrlich widerzuspiegeln. Einerseits charakterisiert das „Energoatom“ den Zustand der Anlage als kritisch und betont das systematische Risiko für die Kernsicherheit. Andererseits dokumentieren einige Medien (insbesondere Life.ru), dass zum Zeitpunkt des Wechsels auf Dieselgeneratoren die Strahlenbelastung und die wesentlichen Systeme der Anlage normal waren, und als Ursache der Abschaltung der Stromleitung wurde ein Beschuss genannt. Diese Versionen schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Die aktuellen Werte der Strahlenbelastung können innerhalb zulässiger Grenzen bleiben, während der Betreiber gerade das strukturelle, kumulative Risiko als „kritisch“ bezeichnet – den Betrieb der Notsysteme in nicht projektierten Modi und die Gefahr, die Kontrolle über die Sicherheitssysteme bei langandauernder Stromunterbrechung zu verlieren. Der Unterschied zwischen „aktuelle Messwerte normal“ und „systemische Sicherheitsbedrohung“ bildet den Kern des Widerspruchs in der Darstellung.
Damit bleibt das zentrale Problem nicht der einmalige Vorfall, sondern der sich hinziehende Charakter der Stromunterbrechung: Je länger die Anlage ohne externe Stromversorgung und auf Not-Dieselgeneratoren arbeitet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls kritischer Ausrüstung und desto drängender wird die Frage der Wiederherstellung der Stromversorgung, für die laut IAEA-Erklärung ein abgestimmter Feuerpause-Modus im Bereich der AKS erforderlich ist.