Das vorübergehend besetzte Saporissker Atomkraftwerk (SAP) befindet sich laut dem Hauptverwaltung für Aufklärung (HAU) des ukrainischen Verteidigungsministeriums in einem äußerst instabilen Zustand. Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf eine HAU-Erklärung berichtet, erzeugt derzeit keiner der sechs Energieblöcke des Kraftwerks Strom – sie alle befinden sich im Zustand der „Kaltabschaltung“. Die Instandhaltung und Sicherheit des Objekts stellt ein minimal erforderliches Personal sicher: Die Bereitschaftsschicht umfasst rund 1.150 Mitarbeiter, was für ein Kraftwerk dieser Größenordnung ein kritisch niedriger Besetzungsgrad ist.
Kritischer Rückgang des Wasserstands im Kühlbecken
Am Kraftwerk wird eine beunruhigende Dynamik des Wasserstands im Kühlbecken festgestellt. Betrug er im Juli noch 12,86 Meter, fiel er Anfang August auf 12,63 Meter und Ende des Monats auf 12,55 Meter und sinkt weiterhin. Für einen normalen und sicheren Betrieb des Objekts ist nach Einschätzung von Fachleuten jedoch ein Wasserstand von mindestens 15 Metern erforderlich. Die Abweichung von mehr als zwei Metern bedeutet, dass das Kraftwerk mit erheblichen Abweichungen von den projektierten Sicherheitsparametern arbeitet.
Regelmäßige Stromausfälle und Abhängigkeit von Dieselkraftstoff
Im August blieb das SAP dreimal ohne externe Stromversorgung – am 1., 4. und 8. August. Laut Aufklärungsdaten waren die Ursache der Notstromausfälle Probleme an der Stromleitung „Ferrosplawna-1“. Seit Beginn des großangelegten Einmarschs wurden laut HAU bereits 23 bis 25 solcher Fälle registriert. Bei Verlust der externen Stromversorgung werden am Kraftwerk Notdieselgeneratoren eingeschaltet, was eine zusätzliche Belastung für den ohnehin knappen Kraftstoff im Region darstellt. Bei einem langanhaltenden vollständigen Blackout würde der Dieselbedarf des Kraftwerks nach HAU-Berechnungen etwa 150 Tonnen pro Tag betragen.
Informationsisolierung und Druck auf die IAEA
Am 13.–14. August schalteten die Besatzer das Internet am Kraftwerk ab, was laut Aufklärung die Kommunikation, die Überwachung der Schlüsselparameter und die Durchführung internationaler Überwachung erschwerte. Parallel werden in Energodar systematische Unterbrechungen der Kommunikation, der Strom- und Wasserversorgung sowie ein akuter Mangel an Lebensmitteln und Kraftstoff festgestellt. Der Kreml versucht laut HAU, das SAP in sein eigenes „Rechtsfeld“ zu integrieren, indem er Inspektoren des „Rostechнадzor“ (Russische Technische Überwachung) einbindet, und nutzt seine Vertreter in der IAEA, um die Besatzung zu legitimieren. So wurde insbesondere der Besuch des Generaldirektors der Agentur, Rafael Grossi, am Kraftwerk am 4. September, vor der Generalversammlung in Wien, organisiert. Der stellvertretende Generaldirektor der IAEA für Russland, Michail Tschudakow, habe laut Aufklärung erreicht, dass in der Informationssystem PRIS das besetzte Krim als Teil Russlands dargestellt wird und die Namen der ukrainischen AKW russifiziert wurden.
Widersprüchliche Daten
In den Erklärungen der Parteien und in den Aufklärungsberichten gibt es geringfügige Abweichungen in den Zahlen. So wird die Anzahl der Notstromausfälle seit Beginn des großangelegten Einmarschs im HAU als Spanne – von 23 bis 25 Fällen – und nicht als exakter Wert angegeben; die genaue Zahl hängt vermutlich von der Erfassungsmethode und dem Zeitpunkt der Feststellung ab. Außerdem unterscheiden sich die Schwerpunkte in der Berichterstattung: Einige Quellen betonen die Umwandlung des Kraftwerks in eine Militärbasis, während andere den Fokus auf die energiewirtschaftliche und nukleare Sicherheitskrise legen. Beide Aspekte koexistieren im Wesentlichen und schließen einander nicht aus; bei Zitaten ist jedoch anzugeben, dass es sich um Daten der ukrainischen Aufklärung handelt, die auf dem besetzten Gebiet nicht unabhängig verifiziert werden können.
Militärische Nutzung des Kraftwerksgeländes
Nach der Besatzung nutzen die russischen Streitkräfte laut HAU das Gelände des SAP faktisch zu militärischen Zwecken: Auf dem Objekt werden Waffen und Ausrüstung stationiert, und es werden Angriffsdrohnen gestartet. Der langfristige Betrieb der Notsysteme erhöht das Risiko eines Ausfalls der Ausrüstung, was die Aufklärung als einen der gefährlichsten Szenarien für die nukleare Sicherheit bezeichnet. Vor dem Hintergrund des sinkenden Wasserstands im Kühlbecken, des minimalen Personals und der regelmäßigen Stromausfälle nimmt das Gesamtrisiko am Kraftwerk nach Einschätzung Kiews weiterhin zu.