Das Kernkraftwerk Saporischschja funktioniert seit über einer Woche ausschließlich über Not-Dieselgeneratoren, nachdem infolge von Kampfhandlungen die Verbindung zur letzten externen Stromleitung verloren gegangen war. Dies erklärte IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi, wie RBC-Ukraine berichtet. Nach Schätzungen des Kraftwerks und der Agentursexperten reichen die vorhandenen Dieselvorräte voraussichtlich für etwa 10 Tage – dies ist das minimal zulässige Maß, unter dem die Anlage eine sichere Kühlung der Reaktoren und der Abklingbecken nicht mehr garantieren kann.
Verlust der letzten externen Leitung: 27. Blackout
In der Nacht vom 20. August verlor das Kraftwerk die Verbindung zur letzten externen Stromleitung 330 kV „Ferrosplawna-1“ und musste auf den Betrieb mit eigenen Reservequellen umstellen. Dies ist bereits der 27. Blackout an der Anlage seit Beginn der Besatzung und der 15. Vorfall dieser Art seit Beginn des Jahres 2026. Seit dem Ausfall der externen Leitung werden alle kritischen Verbraucher – vor allem die Pumpen zur Kühlung der sechs Reaktoren und der Abklingbecken für abgebrannten Brennstoff – von Not-Dieselgeneratoren versorgt. Dies ist ein Überlebensmodus und kein Regelbetrieb.
Zehn Tage Vorrat: minimal zulässiges Maß
Vertreter der IAEA haben die Generatoren geprüft und die vorhandenen Kraftstoffvorräte bewertet. Laut Angaben des Kraftwerks reicht die aktuelle Dieselmengenmenge für etwa 10 Tage, was die Agentur als minimal zulässiges Niveau einstuft. Regelmäßige Kraftstofflieferungen sind aufgrund der zunehmenden Kampfhandlungen erheblich erschwert: Nach vorliegenden Informationen erfolgte die letzte Zufuhr zum Außenlager noch im März, die Mai-Lieferung wurde gestört. Die IAEA betont, dass das Kraftwerk ohne dringende Wiederherstellung der externen Leitung oder neue Kraftstofflieferungen vor der Gefahr eines vollständigen Stromausfalls stehen würde.
Widersprüchliche Daten
In der Darstellung der Kraftstofflogistik in Erklärungen und Lageberichten zeigt sich eine Diskrepanz, die offen dargelegt werden sollte. Einerseits zeichnen das Kraftwerk und die Agentur ein Bild einer kritischen Lage: Das Außenlager wurde nach letzten Angaben seit März nicht mehr aufgefüllt, die Mai-Lieferung wurde gestört, und der Gesamtbestand wird als nur für die minimalen 10 Tage ausreichend bewertet. Andererseits haben IAEA-Experten am Wochenende die Übertragung mehrerer Dutzend Tonnen Diesel von Plätzen in der Nähe des KKW Saporischschja festgestellt. Diese beiden Thesen erzeugen ein widersprüchliches Bild: Formal wurde Kraftstoff an die Anlage übertragen, jedoch hebt sein Volumen, nach den Schätzungen zu urteilen, die Bedrohung nicht auf und ändert nichts am Schluss, dass der Vorrat an der Grenze des minimal zulässigen Niveaus liegt. Der Unterschied in den Akzenten – „Kraftstoff fließt nicht zu“ versus „Übertragung von Dutzenden Tonnen festgestellt“ – spiegelt die Divergenz wider, wie die Seiten den tatsächlichen Zustand der Reserven beschreiben.
Militärische Aktivität und Bedrohungen aus der Luft
Auf dem Gelände des Kraftwerks und in dessen Nähe werden weiterhin Explosionen und Beschuss festgestellt; Beobachter meldeten mehrere Drohnenangriffe auf diesem Gebiet. Militärische Aktivität und Bedrohungen aus der Luft werden laut Agentur auch an anderen Atomobjekten des Landes festgestellt. Die IAEA rief die Seiten zu maximaler Zurückhaltung auf und betonte, dass Angriffe in der Nähe von Kraftstofflagern oder Kühlwasserbecken kritische Risiken für die nukleare und strahlenschutzliche Sicherheit mit sich bringen.
Besatzung und Umwandlung des Kraftwerks in ein Militärziel
Das Kernkraftwerk Saporischschja befindet sich seit März 2022 unter russischer Besatzung. In dieser Zeit geriet die Anlage mehrfach aufgrund von Beschädigungen durch Beschuss der letzten Versorgungsleitungen an die Schwelle eines Blackouts. IAEA-Experten sind dauerhaft vor Ort, um den Sicherheitszustand zu überwachen, doch die Besatzungstruppen schränken regelmäßig den Zugang zu einzelnen kritischen Objekten ein. Nach vorliegenden Informationen haben russische Truppen das Gelände des KKW Saporischschja in eine Militärbasis verwandelt: Auf dem Kraftwerksgelände werden Waffenlager eingerichtet, Angriffsdrohnen gestartet und einzelne technische Räume vermint.
Versuche der IAEA, ein lokales Feuerabstandsabkommen zu vereinbaren
Um aus der Krise herauszukommen, versucht die Agentur, ein lokales Feuerabstandsabkommen zu vereinbaren, um die beschädigte Leitung „Ferrosplawna-1“ zu reparieren und das Kraftwerk wieder ans externe Stromnetz anzuschließen. Solange diese Leitung nicht wiederhergestellt und eine stabile Kraftstoffversorgung nicht sichergestellt ist, bleibt die Lage im besetzten Kernkraftwerk Saporischschja kritisch: Die Anlage balanciert an der Schwelle eines vollständigen Stromausfalls, und jeder Tag des Betriebs mit Dieselgeneratoren verringert den ohnehin minimalen Kraftstoffvorrat.