Astronomen haben unerwartete chemische Anomalien in Gas- und Staubscheiben um junge Sterne registriert, in denen sich Planetensysteme bilden. Beobachtungen mit dem Radioteeleskop ALMA (Atacama Large Millimeter/submillimeter Array) geben Aufschluss darüber, wie die Verteilung von Methanol die Bildung neuer Planeten und das Entstehen lebensfreundlicher Bedingungen beeinflusst. Die Ergebnisse der Studie, die im wissenschaftlichen Fachjournal Astronomy & Astrophysics veröffentlicht wurden, wurden von RBC-Ukraine an die Medien übermittelt und stellen die ersten detaillierten Daten des COMPASS-Projekts (Complex Organic Molecules in Protostars with ALMA Spectral Surveys) dar.

Methanol als Schlüsselmolekül für den Ursprung des Lebens

Methanol ist das häufigste komplexe organische Molekül in protoplanetaren Scheiben, was es zu einem zentralen Untersuchungsobjekt bei der Erforschung des Ursprungs des Lebens macht. Genau deshalb interessiert Forscher sein chemisches Verhalten in jungen Sternsystemen: Davon, wie dieses Molekül verteilt und umgewandelt wird, hängt maßgeblich die Zusammensetzung des Materials ab, aus dem sich später Planeten bilden. Ein internationales Team von über 30 Wissenschaftlern unter der Leitung von Maria Drozdovskaya von der Universität Bern konzentrierte sich auf die Gasscheiben um die 11 nächstgelegenen massearmen Protosterne, um diese Prozesse im Detail zu verfolgen.

Deuterium-Anomalie in der Scheibe des Sterns IRAS 4A2

Während der Beobachtungen entdeckten die Forscher eine seltene Form von Methanol, bei der gewöhnliche Wasserstoffatome durch sein schweres Isotop Deuterium ersetzt sind. Eine solche Anomalie wurde nur in einem der 11 untersuchten Objekte festgestellt — in der Scheibe des jungen Sterns IRAS 4A2, der etwa 1000 Lichtjahre von der Erde entfernt in der Perseus-Molekülwolke liegt. Das Vorhandensein einer solchen Isotopenzusammensetzung in einem einzigen Fall deutet darauf hin, dass die chemische Evolution von Scheiben nicht universal ist und von System zu System stark variieren kann.

Maser-Strahlung bei massearmen Sternen

Zusätzlich zu dem seltenen Isotop wies das COMPASS-Team Methanol-Maser-Strahlung in mehr als 50 Prozent der untersuchten Protosterne nach, vor allem in den jüngsten Systemen. Ein Maser ist das Mikrowellen-Äquivalent eines Lasers, bei dem die Strahlung durch Kollisionen und Anregung von Methanolmolekülen in Stoßwellen natürlich stimuliert und verstärkt wird. Zuvor wurden solche starken Radiosignale nur in der Nähe massereicher Sterne entdeckt. Ihre Entdeckung bei kleineren und ruhigeren Sternen weist auf das Vorhandensein ungewöhnlich energiereicher Bereiche in diesen Systemen hin und könnte bedeuten, dass solche Signale bei der Planetenbildung um Sterne unterschiedlicher Masse entstehen, und nicht nur bei den massereichsten.

Chemische Vielfalt und die Rolle von Stoßwellen

Wissenschaftler vermuten, dass ein junger Stern, wenn er Gas aus seiner Umgebungsscheibe akkretiert, sich periodisch erwärmt und Stoßwellen erzeugt. Ansicht der Forscher nach sind es diese Wellen, die Methanol im Gas aktivieren und es dazu bringen können, starke Radiosignale — Maser — auszusenden. Darüber hinaus stellte das Team Unterschiede im Sauerstoff- und Stickstoffgehalt in verschiedenen Sternsystemen fest. Dies bedeutet, dass sich die chemische Zusammensetzung des Materials, aus dem Planeten entstehen, von System zu System erheblich unterscheiden kann, was bei der Modellierung der Bedingungen für die Entstehung von Leben auf anderen Welten berücksichtigt werden muss.

Erste Veröffentlichungen und geplante James-Webb-Beobachtungen

Die ersten detaillierten Ergebnisse des COMPASS-Projekts wurden im Oktober 2026 in sieben Arbeiten im wissenschaftlichen Journal Astronomy & Astrophysics veröffentlicht. Astronomen setzen die systematische Analyse der vom ALMA-Teleskop gesammelten Daten fort und bereiten eine Reihe von Folgebeobachtungen mit dem James-Webb-Weltraumteleskop vor, wodurch die Radiodaten durch Infrarotmessungen ergänzt und das Bild der chemischen Evolution protoplanetarer Scheiben präzisiert werden kann.