Die Frage, was den Gesundheitszustand stärker bestimmt – die Veranlagung oder der tägliche Alltag – ist in der Medizin nach wie vor eines der meistdiskutierten Themen. Wie der Genetiker Mykytenko, auf den das Medium RBC-Ukraine verweist, erklärt, sind genetische Faktoren nur für 20–25 % des Zustands eines Menschen verantwortlich, sofern es nicht um streng vererbte Erkrankungen geht. „Man kann nicht alle Probleme auf die Genetik schieben. Sie beeinflusst die Gesundheit nur zu 20–25 %, wenn wir nicht gerade von genetischen Krankheiten sprechen“, betont der Experte. Damit liegt der Großteil der Verantwortung für das Wohlbefinden nicht bei den „Karten“, die man gezogen hat, sondern bei den Entscheidungen, die ein Mensch jeden Tag trifft.

Wie verteilt sich der Einfluss auf die Gesundheit

Der Experte gibt eine konkrete Aufschlüsselung: Etwa 10 % des Einflusses auf den Organismus entfallen auf das Gesundheitssystem, 15–20 % auf die Wohnverhältnisse und ganze 50 % auf den Lebensstil – also darauf, was ein Mensch isst, wie viel Wasser er trinkt und wie er schläft. „Deshalb liegt es in unserer Hand, viel mehr zu verändern, als wir denken“, unterstreicht der Genetiker. Dieses Modell bedeutet, dass selbst bei ungünstiger Veranlagung die Korrektur alltäglicher Gewohnheiten die Werte deutlich in die richtige Richtung verschieben kann, während bei guter Veranlagung deren Ignorieren den genetischen Puffer nach und nach „aufzehrt“.

Ein und derselbe Risiko – verschiedene Szenarien

Der Genetiker veranschaulicht seinen Gedanken am Beispiel der Atherosklerose: Bei gleichem genetischem Risiko für die Erkrankung verhalten sich die Menschen unterschiedlich. Der eine provoziert seinen Organismus bewusst und wählt fettes Fleisch, der andere setzt auf mageren Fisch. Laut seinen Worten ermöglicht die Anpassung alltäglicher Gewohnheiten, gezielt auf konkrete Organismuswerte einzuwirken – Gewicht, endokrine Störungen, Fruchtbarkeit. Die Veranlagung legt also lediglich eine Prädisposition fest, ob sie sich jedoch realisiert, hängt in hohem Maße vom Verhalten des Menschen ab.

Subfertilität: Wenn IVF nicht der einzige Weg ist

Getrennt davon befasst sich der Experte mit dem Thema der reproduktiven Gesundheit. „Viele Paare, die sich per IVF behandeln lassen, haben kein echtes Unfruchtbarkeitsproblem – sie befinden sich im Zustand der Subfertilität. Das bedeutet, dass die Möglichkeit, eine Schwangerschaft zu erreichen, verringert ist“, erklärt Mykytenko. Seinen Worten zufolge bewerten Reproduktionsmediziner zunächst die Faktoren der Subfertilität, um dem Paar konservativ zu helfen, statt es sofort zur In-vitro-Fertilisation zu schicken. Dies ist ein weiterer Fall, in dem eine Veränderung des Lebensstils und die Beseitigung auslösender Faktoren zum ersten und schonenderen Schritt werden können.

Onkologie und Sportgenetik

Gleichzeitig nennt der Genetiker ehrlich die Grenzen des Einflusses: Onkologie lässt sich praktisch nicht vorbeugend verhindern, doch das Wissen über persönliche Risiken erleichtert die Früherkennung und die medizinische Begleitung erheblich. Separat spricht er über Sportgenetik – Tests, die helfen, die Eignung für bestimmte Belastungsarten und die Struktur der Muskelfasern, aeroben oder Sprintertyps, zu bestimmen. „Aber solche Tests lohnen sich nur, wenn man sich professionell dem Sport widmen will und nicht einfach zur Erhaltung der Gesundheit ins Fitnessstudio geht“, betont der Experte.

Die Falle der kommerziellen DNA-Tests zur Ernährung

Eine besondere Warnung richtet der Genetiker an die kommerziellen DNA-Tests zur Ernährung. „Man sollte sich nicht auf sinnlose Tests einlassen – Diät nach DNA, die einem sagen, wie viel und was man essen soll. Das ist Spekulation. Solche Tests sind nicht zertifiziert. Die Labore verfügen über keine medizinischen Lizenzen und tragen keine Verantwortung. Besser ist es, die Regeln des gesunden Tellers einzuhalten“, sagt er. Anstelle teurer und nicht lizenzierter „genetischer Diäten“ empfiehlt der Experte daher, sich auf bewährte Prinzipien einer ausgewogenen Ernährung zu stützen. Der Artikel hat allgemeine Informationscharakter und stellt keine medizinische Beratung dar: Bei gesundheitlichen Problemen muss man sich an einen qualifizierten Arzt wenden.