Die moderne Genetik und Medizin eröffnen dem Menschen beispiellose Möglichkeiten, den eigenen Gesundheitszustand zu bewerten – von der Schwangerschaftsplanung bis zur Korrektur seltener Erbkrankheiten. Hinter dem modischen Begriff „Biohacking' verbirgt sich jedoch eine viel bescheidenere Realität, als in den populären Medien gemeinhin gedacht wird. Dies erklärte der Genetiker Dmytro Mykytenko in einem Interview mit RBC-Ukraine, in dem er im Detail darlegte, was heutige genetische Tests tatsächlich ermöglichen und was weiterhin im Bereich der Fantasie bleibt.

Was die moderne Genetik bereits kann: von der IVF bis zur Gentherapie

Laut Mykytenko sind Fachleute heute in der Lage, das Risiko der Geburt eines Kindes mit einer genetischen Erkrankung bereits im Stadium der Schwangerschaftsplanung zu bewerten. Darüber hinaus wird im Rahmen der In-vitro-Fertilisation (IVF) bereits die Auswahl von Embryonen mit dem Ziel der Geburt eines gesunden Kindes praktiziert. Nach der Geburt ermöglicht die genetische Diagnostik die Erkennung vieler, wenn auch nicht aller Erbkrankheiten. Als bahnbrechendestes nannte der Experte die Gentherapie: „So werden spinale Muskelatrophie und bestimmte Formen der Netzhautdystrophie behandelt', erklärte er und meinte damit das Einbringen eines gesunden Gens zur Korrektur einer bestimmten Erkrankung.

Genetische Pässe und polygene Neigungen: Was Wellness-Tests zeigen

Neben spezialisierten Untersuchungen stehen dem normalen Menschen heute genetische Pässe der Wellness-Klasse zur Verfügung, die Besonderheiten der Funktion des eigenen Organismus aufdecken. Mykytenko betonte einen wichtigen Aspekt: „Diese Tests suchen nicht nach der Ursache eines Problems, sondern analysieren bestimmte polygene Neigungen.' Wenn eine Veränderung nur in einem Gen vorliegt, kann die Krankheit als Folge möglicherweise nicht auftreten. Wenn jedoch die Aktivität sofort mehrerer Gene aus einem funktionellen Block verringert ist, kann dies bereits die Gesundheit beeinflussen. Der Experte präzisierte dabei, dass es nicht unbedingt um eine Erkrankung im klassischen Sinne geht – eher um eine Verringerung der Lebensqualität.

Was „Biohacking' tatsächlich ist: Der Mythos vom Überschreiben der DNA

Wer die eigenen genetischen Besonderheiten kennt, kann den Risikowert beeinflussen, und genau das, so Mykytenko, „versucht man heute als Biohacking zu bezeichnen'. Der Genetiker warnt vor falschen Erwartungen: Der Begriff „erweckt teilweise den Eindruck, als würden wir die Regeln ändern, nach denen unser Organismus funktioniert'. Tatsächlich geht es ausschließlich um eine Neigung, nicht um ein determiniertes Ergebnis. „Zum Beispiel weiß ein Mensch, dass seine Mutter Brille trug. Dann hat er selbst eine Neigung zu Sehstörungen. Das Verständnis dafür kann eine Motivation für die Prävention sein', führte er ein anschauliches Beispiel an. Biohacking im modernen Verständnis ist also kein genetisches Überschreiben der Organisationsanweisung, sondern die Anpassung des Lebensstils an individuelle Besonderheiten zur Risikominimierung.

Genetik ist keine Entschuldigung: Die Rolle der persönlichen Verantwortung

Mykytenko warnte eindringlich, dass das Wissen um eine genetische Veranlagung nicht von der Verantwortung für die eigene Gesundheit befreit. „Man kann nicht sagen: „Ich werde nichts dagegen tun, weil ich so eine Genetik habe'. Genetik ist keine Entschuldigung', betonte der Experte. Laut seinen Worten soll das Bewusstsein über Neigungen den Menschen zu konkreten Entscheidungen drängen: „Wenn wir wissen, wo sie auftreten kann und wie hoch das Risiko ist, können wir eine Prävention entwickeln'. Als praktisches Beispiel führte der Genetiker die Störung der zirkadianen Schlaf-Rhythmen an: Auf Grundlage eines genetischen Tests ist es dem Neurologen einfacher, eine Korrektur zur Ausgewogenheit des Schlafes auszuwählen. „Wir passen uns einfach unseren Besonderheiten an, um die Risiken zu senken', fasste Mykytenko zusammen.

Widersprüchliche Daten

In der öffentlichen Diskussion um den Begriff „Biohacking' besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen den Marketingversprechen kommerzieller genetischer Labore und der Position der Fachexperten. Einerseits präsentieren Werbeanzeigen und populäre Wissenschaft genetische Tests häufig als Instrument zur „Genomsteuerung' und zum „Überschreiben' der biologischen Programme des Organismus. Andererseits, wie Mykytenko erklärt, verändert kein heute verfügbarer Test die DNA-Sequenz und „schaltet' Gene nicht in Echtzeit ein oder aus. Der Experte weist direkt darauf hin, dass es um die Bewertung polygener Neigungen und die anschließende verhaltensbezogene oder medikamentöse Korrektur des Lebensstils geht. Der Unterschied liegt also nicht in den Fakten, sondern in der Interpretation: Die Wissenschaft registriert ein Risiko, kein Urteil, und genau dieser Unterschied bestimmt, ob „Biohacking' ein reales Instrument oder ein Marketingkonstrukt ist.