Das Unternehmen Insilico Medicine hat im Fachjournal Nature Biotechnology die Ergebnisse einer klinischen Studie zum experimentellen Präparat Rentosertib veröffentlicht, das mit Hilfe von KI-Algorithmen entwickelt wurde. Ursprünglich wurde das Medikament zur Behandlung chronischer Lungenerkrankungen und zur möglichen Verlängerung der Lebensdauer konzipiert. Erst während der Prüfung der Wirkung der Tabletten auf biologische Alterungsmarker registrierten die Forscher jedoch einen Effekt, der bisher von keinem vergleichbaren Präparat nachgewiesen werden konnte: eine statistisch signifikante Verlangsamung der biologischen Alterung bei den Studienteilnehmern.
Verlauf der klinischen Studien
An der Studie nahmen 42 Patienten teil. Die Testphase dauerte 12 Wochen, in deren Verlauf die Wissenschaftler die Dynamik der biologischen Kennwerte des Körpers erfassten. Zur Bewertung der Wirkung setzte das Team sechs verschiedene „Alterungsuhren“ ein – spezialisierte KI-basierte Algorithmen, die den tatsächlichen Zustand des Organismus anhand eines Gesamtdatensatzes bestimmen: Blutuntersuchungen, physiologische und psychologische Parameter. Dieser multifaktorielle Ansatz ermöglichte ein umfassenderes Bild als bei der Stützung auf einen einzelnen Marker.
Ergebnisse: minus sechs Jahre beim biologischen Alter
Nach Abschluss des 12-wöchigen Testkurses registrierten die Algorithmen eine positive Dynamik: Das biologische Alter der Teilnehmer sank nach Summe der eingesetzten „Alterungsuhren“ im Durchschnitt um sechs Jahre. Dies ist der erste dokumentierte Fall, in dem ein experimentelles Präparat die Fähigkeit zeigte, nicht nur einzelne Biomarker zu beeinflussen, sondern die Gesamtbewertung des biologischen Alters eines Menschen in Richtung „Verjüngung“ zu verschieben. Die Veröffentlichung der Daten in Nature Biotechnology verleiht den Ergebnissen zusätzliches Gewicht, da das Journal einem strengen Begutachtungsverfahren unterliegt.
Widersprüchliche Daten
Trotz der Bedeutung der Ergebnisse ruft die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu auf, die Methodik mit Zurückhaltung zu bewerten. Das zentrale Problem besteht darin, dass die Genauigkeit der „Alterungsuhren“ – der Algorithmen, die chemische Veränderungen in der DNA oder das Proteinsniveau im Blut messen – Gegenstand aktiver wissenschaftlicher Debatten bleibt. Es existiert weltweit nach wie vor kein einheitlich anerkannter Indikator für das biologische Alter eines Menschen, weshalb verschiedene Modelle abweichende Bewertungen liefern können. Einzelne Forscher warnen, dass der Versuch, die Marker der Alterung künstlich zu verändern, potenziell den natürlichen Regenerationsfunktionen des Organismus schaden kann. Somit wird die Interpretation von „minus sechs Jahren“ als echte Verjüngung bestritten: Ein Teil der Experten betrachtet dies als Verschiebung in den Werten eines bestimmten Modells und nicht als nachgewiesenen biologischen Effekt.
Perspektiven und Einschränkungen
Das Präparat Rentosertib befindet sich in frühen Entwicklungsstadien. Bevor es offizielle Zulassungen erhält, muss es eine lange Reihe zusätzlicher Prüfungen durchlaufen, einschließlich erweiterte Phasen klinischer Studien mit größerer Stichprobe und längerer Beobachtungszeit. Selbst bei Bestätigung des Effekts im größeren Maßstab bleiben die Fragen der Langzeitsicherheit und der potenziellen Auswirkungen auf die natürlichen Regenerationsmechanismen für die Aufsichtsbehörden zentral. Dennoch verankert die Veröffentlichung in Nature Biotechnology Rentosertib als erstes Präparat, für das ein messbarer Verschiebung des biologischen Alters festgestellt wurde, und eröffnet eine neue Richtung in der geriatrischen Pharmakologie.