Der August in Kiew und Lwiw bietet den Zuschauern nicht nur eine Änderung der Route, sondern die Möglichkeit, einen tiefen Einblick in zeitgenössische künstlerische Praktiken zu gewinnen. In diesem Monat öffnen Galerien und Museen ihre Türen für Gespräche über Erinnerung, die Transformation des städtischen Raums und das innere Bedürfnis, trotz widriger Umstände Freude zu bewahren. Die Auswahl von Wave RBC.UA umfasst neun aktuelle Ausstellungen, die die Erfahrung des Lebens in anhaltender Unsicherheit erforschen.
Erinnerung in Beton und OSB-Platten
Die Künstlerin Natalka Diatschenko hat ein ungewöhnliches Format für ihre Fotoausstellung gewählt. Die Ausstellung befindet sich nicht in einem traditionellen Galeriesaal, sondern auf OSB-Platten, mit denen die durch einen russischen Angriff zerstörten Fenster des Raums Hinaus vorübergehend abgedeckt wurden. Der Kern des Projekts ist eine Serie von Fotografien kiwer Betonblumenbeeten, die die Autorin seit 2023 erstellt.
Über diese alltäglichen städtischen Objekte erforscht die Künstlerin die Zyklizität von Zerstörung und Wiederaufbau sowie die Interaktion zwischen Natur und Mensch. Die Ausstellung wird bestehen, bis auf den Fotografien das letzte Blumenbeet verschwunden ist und so zu einem chronischen Dokument des Verlusts und der Erinnerung wird.
Städtische Architektur als Bühne
Der neue Raum The Naked Room öffnet seine Türen mit einer persönlichen Ausstellung von Karina Synyzia. Die Ausstellung zeigt Gemälde und Grafiken aus den Jahren 2024–2025, die Kiew, Charkiw und Dnipro gewidmet sind. Für die Künstlerin wird die städtische Architektur zur Bühne, auf der das Leben während des Krieges stattfindet.
Vertraute Straßen, Uferpromenaden und Innenhöfe wirken in ihren Werken gleichzeitig beständig und verletzlich. Ein Werk von Synyzia entstand direkt im Galerieraum: Es zeigt den Moment des Umpflanzens von Blumen an einem Brunnen an der Uferpromenade in Charkiw und unterstreicht die Zerbrechlichkeit alltäglicher Rituale.
Dialog auf Distanz
Die Fotoausstellung von Oleksandr Burlaka und Sasha Kurmaz ist als ein Gespräch zwischen zwei Autoren konzipiert, die in verschiedenen Teilen Europas arbeiten. Sie stellen dokumentarische Aufnahmen gegenüber, die in einem Zeitraum, aber unter unterschiedlichen geografischen und lebensweltlichen Umständen entstanden sind. So entsteht eine Geschichte über die Erfahrung des Aufenthalts in der Ukraine und im Ausland, über Nähe und Distanz zwischen zwei Realitäten.
Beide Autoren arbeiten viel mit dem städtischen Raum: Sasha Kurmaz widmet sich öffentlichen Transformationen, während Oleksandr Burlaka Architektur durch Fotografie und Raumdesign erforscht. Ende des Jahres planen sie, die Arbeiten der Ausstellung in Form eines Fotobuchs zu präsentieren.
Freude als bewusste Wahl
Das große Projekt des PinchukArtCentre lädt ein, Freude nicht als Mittel zur Verleugnung einer komplexen Realität zu betrachten, sondern als bewusste Wahl und Ausdruck von Menschlichkeit. Grundlage der Ausstellung sind dokumentarische Zeugnisse, die vom Veteranen der Marines, Gleb Strischko, gesammelt wurden, der eine russische Gefangenschaft überlebt hat.
Im Raum des Kunstzentrums verwandeln sich persönliche Geschichten in Skulpturen und Installationen. Am Projekt nehmen ukrainische und internationale Künstler teil, darunter Alevtina Kahidze, Anna Zwjagintsewa, Kateryna Lisowenko, Tamara Turlyun, Roman Khimey und Yarema Malashchuk. Die Autoren sprechen über Verlust, Angst, Einsamkeit und die Suche nach Halt, ohne zu versuchen, eine Chronik konkreter Ereignisse zu schaffen.
Der Absurdität des Alltags und neue Routen
Die Gruppenausstellung in der Voloshyn Gallery erforscht das Absurde als Teil des modernen Alltags. Das zentrale Motiv des Projekts ist der Raum – ein Ort des Schutzes und der Gefahr, wo vertraute Gegenstände ihren Zweck verlieren und zu Artefakten einer neuen Realität werden. Der Titel der Ausstellung erinnert an eine einfache physische Handlung: Um die Tür nach innen zu öffnen, muss man zuerst einen Schritt zurücktreten.
Ein weiteres Projekt widmet sich der persönlichen Wahrnehmung der Stadt und den Routen, die Menschen täglich zurücklegen. Die Teilnehmer übertrugen ihre eigenen Wege durch Lwiw – vom Haus bis zur Kreativstudio und zum städtischen Kunstzentrum – auf Leinwände. In den Werken erschienen Orte, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, und Details, die normalerweise unbeachtet bleiben.