An den Rändern des Ostwirtschaftsforums in Wladiwostok erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow, dass Russland alle drei Zweige des deutschen Goethe-Instituts auf seinem Territorium schließen werde. Nach seinen Worten sei diese Entscheidung eine spiegelbildliche Antwort auf die Maßnahmen Berlins, das den Vertrag über den Betrieb des Russischen Hauses in der Hauptstadt der Bundesrepublik gekündigt habe. „Die Deutschen haben hier eine Filiale des Goethe-Instituts – in Moskau, in Petersburg und in Jekaterinburg. Natürlich werden sie geschlossen, nachdem unser Kulturzentrum von dort vertrieben wurde. Sonst würden wir uns selbst nicht respektieren“, erklärte der russische Außenminister und betonte, dass Moskau in dieser Situation keine Alternative biete.
Chronologie der Eskalation: von Leipzig bis Bonn
Anlass für die scharfe Eskalation der Kulturdiplomatie war der Drohnenangriff auf die ukrainische Transportmaschine An-124 am Flughafen Leipzig Anfang August. Am 1. September beschuldigte Deutschland Russland offiziell eines hybriden Angriffs und verabschiedete ein Paket gegenseitiger Maßnahmen: Das russische Konsulat in Bonn wurde geschlossen, der Vertrag über den Betrieb des Russischen Hauses in Berlin gekündigt. Wie berichtet wurde, stellte die Ermittlung fest, dass zwei Verdächtige auf die Organisation des Vorfalls mit Russland in Verbindung stehen. Genau diese Abfolge der Ereignisse beraubt Deutschland nach Logik Moskaus des Rechts, seine eigene kulturelle Präsenz in Russland zu wahren.
Widersprüchliche Daten
In der Aufzählung der Städte, in denen sich die Goethe-Institute befinden, enthält die Erklärung Lawrows eine faktische Ungenauigkeit. Der Minister nannte Moskau, Sankt Petersburg und Jekaterinburg. Wie jedoch aus den Daten des Instituts selbst hervorgeht, befindet sich seine dritte Filiale in Russland nicht in Jekaterinburg, sondern in Nowosibirsk. Beide Seiten stimmen also darin überein, dass es um drei Filialen und deren vollständige Schließung geht, sie unterscheiden sich jedoch in der geografischen Aufzählung: Die offizielle Position des russischen Außenministeriums verweist auf Jekaterinburg, während die eigenen Angaben des Goethe-Instituts von Nowosibirsk sprechen. Diese Diskrepanz berührt die Essenz der angekündigten Entscheidung nicht, ist aber für das genaue Verständnis des Umfangs und der Lokalisierung der Maßnahmen wichtig.
Bewertung der Folgen für die Brücke der Kulturen
Nach Worten Lawrows haben die deutschen Behörden mit der Entscheidung über die Schließung des Russischen Hauses bewusst die Grenze überschritten, die das Ende der kulturellen Präsenz Deutschlands in Russland bedeutet. Der russische Außenminister betonte, dass diese Präsenz „trotz aller ukrainischen Wirren“ in den Beziehungen Moskaus zum Westen aufrechterhalten wurde, und nun antworte Moskau symmetrisch. Die Schließung der drei Goethe-Institute schließt faktisch den letzten großen institutionellen Kanal der deutschen Kulturpolitik auf dem Territorium Russlands und verschiebt die bilateralen Beziehungen in die Ebene des gegenseitigen „Ausschaltens“ humanitärer Institutionen.
Kontext der Spiegellogik
Die russische Seite wendet konsequent das Spiegelprinzip an: Auf die Schließung des Konsulats in Bonn und die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus antwortet Moskau mit der Liquidierung deutscher Kulturstandorte in drei Städten. Diese Rhetorik und Praxis zementieren nach Einschätzung von Beobachtern ein Modell, in dem Kulturinstitutionen zu Geiseln politischer Vorfälle werden. Für die deutsche Seite bedeutet dies den Verlust langfristiger Programme des Sprachunterrichts und des Kulturaustauschs, für die russische – die formale Beendigung der Präsenz eines der wichtigsten westlichen Kulturakteure im Land.