Bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats hielt der Ständige Vertreter der Ukraine, Andrij Melnyk, eine Rede, die sich direkt an die Bürger Russlands richtete. Laut RBC-Ukraine, das auf die Übertragung des Sicherheitsrats verweist, sprach der Diplomat während seines Vortrags Russisch, wandte sich an die „russischen Ehemänner, Ehefrauen und Mütter“ und warnte vor einer neuen Welle der Mobilisierung, die seiner Ansicht nach in Russland vorbereitet wird. Die zentrale Botschaft der Ansprache war der Aufruf, das Land zu verlassen, „solange es noch nicht zu spät ist“ – bevor, so die Einschätzung Kiews, ein Zwangseinsatz an der Front beginnt.

Prognose: bis zu 500.000 Menschen „für immer“

Melnyk verknüpfte die erwartete Mobilisierung mit dem Abschluss der sogenannten Wahlen zur Staatsduma Russlands. Nach seinen Worten werde in Russland nach dem 20. September, wenn, wie er es ausdrückte, der „Diktator“ Wladimir Putin den entsprechenden politischen Anlass erhalte, eine Zwangsmobilisierung einsetzt. Der Diplomat nannte eine konkrete Zahl – bis zu 500.000 Menschen, die, so seine Behauptung, „für immer“ auf ukrainisches Gebiet geschickt werden sollen. Zusammenfassend erklärte Melnyk, die Russen sollten das Land verlassen, solange die Möglichkeit noch bestehe, und fügte hinzu, dass es in Russland möglicherweise Probleme mit dem Treibstoff geben könnte.

Widersprüchliche Angaben

Die Aussagen Kiews widersprechen der Position Moskaus direkt. Erst vor wenigen Tagen hatte der Ständige Vertreter Russlands bei der UN, Wladimir Saizew, öffentlich versichert, dass eine Mobilisierung in Russland nicht geplant sei. Melnyk verglich diese Dementis seinerseits mit der Rhetorik zu Beginn des Krieges, als in Russland ebenfalls erklärt wurde, dass eine Invasion nicht beabsichtigt sei. Somit behauptet eine Seite eine vorbereitete Massenrekrutierung, während die andere die Vorbereitung einer Mobilisierung kategorisch leugnet; eine unabhängige Bestätigung der konkreten Zahlen (einschließlich der Schätzung von 500.000) liegt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor.

„Verdeckte Mobilisierung“ laut russischen Medien

Neben den diplomatischen Erklärungen werden als Kontext Angaben russischer Medien über die sogenannte „verdeckte Mobilisierung“ zitiert. Berichten zufolge wurden bereits in 17 Regionen Russlands gewaltsame Inhaftierungen und das Nötigen zur Unterschrift von Verträgen mit dem Verteidigungsministerium festgestellt. Diese Meldungen dienen laut Einschätzung des Mediums der Illustration, dass Prozesse, die Moskau offiziell leugnet, vor Ort ablaufen können.

„Boomerang“ des Krieges und Appell an die UN

Während desselben Vortrags zitierte Melnyk Berichten zufolge einen sowjetischen Zeichentrickfilm und erinnerte die Russen an den „Boomerang“ des Krieges – eine Metapher dafür, dass die Folgen eines Konflikts zu seinen Initiatoren zurückkehren. Zuvor hatte der Diplomat auch dazu aufgerufen, russische Militärs von der Teilnahme an UN-Friedensmissionen auszuschließen und Russland der entsprechenden Rechte innerhalb der Organisation zu entziehen. Die Ansprache an die Bürger Russlands vor dem Hintergrund einer wahrscheinlichen Mobilisierung wurde Teil dieser breiteren Linie der öffentlichen Diplomatie der Ukraine im Sicherheitsrat.