Das Büro des Generalstaatsanwalts der Ukraine hat die Informationen, wonach dem Direktor des Nationalen Antikorruptionsbüros, Semjon Krywonos, im Rahmen eines von dem suspendierten Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko eingeleiteten Strafverfahrens ein Verdacht mitgeteilt worden sei, kategorisch dementiert. Laut OGP wurden die entsprechenden Einträge über die Verdachtsmitteilung im Unified Register of Pretrial Investigations (ERDR) storniert, und es hätten nach Auffassung der Behörde keine rechtlichen Grundlagen für eine solche Mitteilung bestanden. Dies berichtete RBC-Ukraine am 15. September 2026 unter Verweis auf ein offizielles Statement der Staatsanwaltschaft.
Position des Büros des Generalstaatsanwalts: „Die Informationen stimmen nicht mit der Realität überein“
Das OGP betonte, dass im Rahmen des betreffenden Strafverfahrens keiner Person – einschließlich des Leiters der Antikorruptionsbehörde – ein Verdacht in der im Strafprozessualgesetzbuch der Ukraine vorgesehenen Form mitgeteilt worden sei. Die Behörde erklärte, die Behauptungen über eine angeblich ausgesprochene Verdachtsmitteilung seien „juristisch sinnlos“, da die prozessualen Voraussetzungen für eine Mitteilung fehlten. Zudem teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass die entsprechenden Einträge im ERDR storniert wurden, was die Aussage Krawtschenkos im Wesentlichen ihrer prozessualen Wirkung beraube.
Version Krawtschenkos: Postquittungen und „politische Einmischung“
Der suspendierte Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko widersprach in seinem Telegram-Kanal scharf der Position des OGP. Seinen Worten zufolge habe sich der Volksabgeordnete Alexander Bakumow „bei der Führung des HBR und des Büros des Generalstaatsanwalts eingefunden und gefordert, die Verdachtsmitteilung an Semjon Krywonos um jeden Preis zu stornieren“. Krawtschenko fügte der Nachricht Fotos von Postquittungen bei, auf denen seiner Behauptung nach zu sehen sei, dass die Verdachtsmitteilung an den Empfänger zugestellt wurde. „Wenn die Verdachtsmitteilung ordnungsgemäß zugestellt wurde und dies durch entsprechende Postquittungen belegt ist, wird jeder Versuch, sie zu stornieren oder die Angaben aus dem ERDR zu entfernen, Merkmale einer politischen und rechtswidrigen Einmischung tragen“, schrieb Krawtschenko. Er fügte hinzu, dass „keine politische Entscheidung in der Lage ist, Beweise zu stornieren“ und den NABU-Direktor nicht von der Pflicht entbindet, „auf konkrete Fragen hinsichtlich seiner eigenen Integrität“ zu antworten.
Chronologie des Skandals: von der Unterzeichnung des Verdachts bis zur Entlassung
Am Montag, dem 14. September 2026, veröffentlichte Ruslan Krawtschenko am Morgen eine Videoansprache, in der er mitteilte, er habe einen Verdacht gegen den NABU-Direktor Semjon Krywonos unterzeichnet. Seinen Worten zufolge ging es um „die Fälschung von Dokumenten zur Erlangung eines unrechtmäßigen Vorteils und um eine Scheinadoption“. Darüber hinaus erklärte Krawtschenko einen zweiten Verdacht, der seiner Behauptung nach eine Person aus dem Umfeld des SAA-Leiters Alexander Klymenko betreffe – wegen „Einflusses auf Richter des WAKS und Beihilfe zur Umgehung der Mobilisierung“. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Videos verließ Krawtschenko die Ukraine über einen Grenzübergang an der Grenze zu Polen und bezeichnete seine Reise als „Auslandsdienstreise“. Infolgedessen entschied Präsident Wolodymyr Selenskyj, Krawtschenko von der должность des Generalstaatsanwalts zu suspendieren.
Widersprüchliche Angaben
Zwischen den Positionen der beiden Seiten besteht ein direkter und grundlegender Widerspruch. Einerseits behauptet das OGP, dass keine Verdachtsmitteilung zugestellt wurde, es keine rechtlichen Grundlagen dafür gab und die Einträge im ERDR storniert wurden. Andererseits beharrt Krawtschenko darauf, dass der Verdacht ordnungsgemäß unterzeichnet und zugestellt wurde, und untermauert seine Worte mit Fotos von Postquittungen. Die zentrale Frage, die derzeit ohne öffentliche Klärung bleibt: Wurde die Postsendung tatsächlich dem Empfänger übergeben, und wenn ja – warum wurden die Einträge im ERDR gelöscht? Das OGP erklärt die Stornierung der Einträge mit dem Fehlen rechtlicher Grundlagen, während Krawtschenko dies als „politische und rechtswidrige Einmischung“ deutet. Weder die eine noch die andere Seite hat zum Zeitpunkt der Veröffentlichung das vollständige prozessuale Dokument – den Text des Verdachts selbst – vorgelegt, was eine unabhängige Verifizierung unmöglich macht.
Kontext und Folgen
Der Skandal spielt sich vor dem Hintergrund eines systemischen Konflikts zwischen den Antikorruptionsstrukturen und der Staatsanwaltschaft ab. Die Suspendierung Krawtschenkos von der должность des Generalstaatsanwalts durch Präsident Selenskyj beraubt ihn faktisch seiner prozessualen Befugnisse, doch Krawtschenko selbst beharrt weiterhin öffentlich auf der Legitimität seiner Entscheidungen. Die Frage, ob der Eintrag im ERDR wiederhergestellt oder stattdessen eine interne Prüfung wegen möglicher Eintragung falscher Daten durchgeführt wird, bleibt offen. Für den NABU-Direktor Krywonos bedeutet die Situation, dass formal kein Verdacht gegen ihn besteht, doch der öffentliche Resonanz und die Aussagen des suspendierten Generalstaatsanwalts erzeugen zusätzlichen informatorischen Druck.