Es schien, als ob der Rücktritt von Viktor Orbán vom Amt des ungarischen Ministerpräsidenten der entscheidende Faktor für einen Durchbruch in der Sanktionspolitik der Europäischen Union sein würde. Kiew hoffte, dass ohne das „ewige Veto“ Budapest die Abstimmung neuer Beschränkungen gegen Russland schneller voranschreiten würde. Doch die Realität erwies sich als weitaus komplexer: Anstatt einer Erleichterung entstanden zahlreiche neue Hindernisse, und nun verteidigt jedes Mitgliedstaat offen seine eigenen wirtschaftlichen Interessen.
22. Juli: Neuer Durchbruchsversuch
Laut Insider-Informationen planen die Botschafter der EU-Staaten, am 22. Juli erneut zu versuchen, das 21. Sanktionspaket gegen Russland abzustimmen – das erste nach dem Machtwechsel in Ungarn. Doch statt Einheit zeigt sich eine Spaltung: Die Mitgliedstaaten haben bereits einige Schlüsselbeschränkungen gelockert oder sogar entfernt, um ihre nationalen Interessen in den Bereichen Energie, Fischverarbeitung, Bankwesen und Schifffahrt zu schützen.
„Überraschung und Enttäuschung – das ist, wie viele Mitgliedstaaten diesen Prozess bremsen. Es ist von größter Wichtigkeit, die EU-Sanktionen gegen Russland gerade jetzt weiter zu verschärfen, wenn Russland den Druck des Krieges sowohl in seiner Binnenwirtschaft als auch in der öffentlichen Stimmung zu spüren beginnt“, erklärte der finnische Europaabgeordnete Ville Niinistö.
Griechenland gegen das LNG-Verbot
Einer der Hauptstreitpunkte war der vorgeschlagene Verbot für europäische Unternehmen, russisches verflüssigtes Erdgas (LNG) in Drittländer zu transportieren. Griechenland, dessen Wirtschaft eng mit der Hafenlogistik und den Energieflüssen verbunden ist, spricht sich gegen diese Bestimmung aus. Athen befürchtet, dass solche Maßnahmen die eigenen Einnahmen treffen und Verträge mit Partnern verletzen würden.
Österreich und die Raiffeisen-Bank
Eine andere schwierige Frage ist die Position Österreichs, das aktiv die Interessen der Raiffeisen-Bank, der zweitgrößten Bank des Landes, verteidigt. Die Finanzinstitution fordert eine Entschädigung für das, was sie als unrechtmäßige Enteignung ihrer Vermögenswerte in Russland in Höhe von 2,44 Milliarden Euro betrachtet. Wien besteht darauf, dass neue Sanktionen die Lage österreichischer Banken, die bereits unter dem Konflikt gelitten haben, nicht weiter verschlechtern dürfen.
Bulgarien und Patriarch Kirill
Auch Bulgarien hat seinen Beitrag zur Verlangsamung des Prozesses geleistet: Sofia unterstützt keine Sanktionen gegen Patriarch Kirill, den Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, sowie gegen ehemalige russische Militärangehörige. Die bulgarischen Behörden begründen dies mit religiösen und kulturellen Bindungen sowie dem Fehlen klarer Kriterien zur Identifizierung der Personen, die Beschränkungen unterliegen sollen.
Frankreich und Italien: Der Mechanismus ist nicht bereit
Auch Paris und Rom sprachen sich gegen Beschränkungen gegenüber ehemaligen russischen Soldaten aus. Beide Länder wiesen darauf hin, dass der Mechanismus zur Bestimmung der Personen, auf die diese Maßnahmen anwendbar sein sollen, noch nicht für die praktische Anwendung bereit ist. Infolgedessen wurden die entsprechenden Bestimmungen des Sanktionspakets erheblich gelockert, um rechtliche Konflikte und Ineffektivität zu vermeiden.
Warum ist die EU in einer Sackgasse gelandet?
Zuvor berichtete RBK-Ukraine, dass die Botschafter der Europäischen Union am 15. Juli erneut keine Einigung über die Annahme des 21. Sanktionspakets gegen Russland erzielen konnten. Dies ist nicht das erste Mal, dass Brüssel bei dem Versuch, den Druck auf Moskau zu erhöhen, auf interne Meinungsverschiedenheiten stößt. Jetzt, selbst ohne Orbán, steht die einheitliche Front der EU aufgrund nationaler Interessen unter Druck.
Interessanterweise äußerte auch Donald Trump, obwohl er nicht mehr im Amt ist, den Wunsch, das Projekt der sogenannten „Höllensanktionen“ gegen Russland zu ändern. Seine Position, die zwar keinen direkten Einfluss auf die aktuellen Verhandlungen in der EU hat, spiegelt einen breiteren Trend wider: Selbst unter westlichen Politikern wächst der Zweifel an der Wirksamkeit endloser Sanktionsrunden.
Was kommt als Nächstes?
Jetzt stellt sich die Frage weniger danach, ob die EU das 21. Sanktionspaket annehmen kann, sondern vielmehr danach, wie effektiv es sein wird. Wenn jedes Land weiterhin seine eigenen Interessen verteidigt, könnte das Ergebnis lediglich symbolisch sein – ohne echten Druck auf die russische Wirtschaft. Und dann wird die Ukraine allein mit den Folgen des Krieges zurückgelassen, während Europa darüber streitet, wer wie viel verlieren muss.