Das Schwarze Meer hat sich in das fuer die Handelsschifffahrt gefaehrlichste Gebiet der Welt verwandelt. Nach Angaben der Financial Times unter Berufung auf Schifffahrtsorganisationen, Reedereien und Sicherheitsunternehmen wurden seit Beginn des Jahres 2026 im Seegebiet ueber 570 Schiffe angegriffen, und die Zahl der getoeteten Seeleute hat 40 erreicht. Zum Vergleich: In der Strasse von Hormus wurden im selben Zeitraum Berichten zufolge 24 Todesfaelle gemeldet. Einigen Schaetzungen zufolge ist die Intensitaet der Angriffe im Schwarzen Meer mehr als sechsmal so hoch wie im Persischen Golf. Handelsschiffe, die Getreide, Oel und andere Gueter transportieren, sind von Raketen, Drohnen und Marinedrohnen bedroht: Einige geraten bei Hafenangriffen unter Beschuss, andere werden direkt als Ziele ins Visier genommen.

Versenkung des Containerschiffs Contship Jet

Letzte Woche wurden nach Angaben von Seenotsendediensten und Berichten aus Rumaenien und Bulgarien drei Drohnen auf das Containerschiff Contship Jet abgefeuert, als es sich einem rumaenischen Hafen naeherte. Ein franzoesisches Aufklaerungsflugzeug nahm per Video auf, wie sich eine Drohne dem Schiff naeherte; die Aufnahmen zeigen anschliessend, wie sich das Schiff stark zur Seite neigte und sank. Zum Zeitpunkt des Angriffs befand sich die Contship Jet nur 25 Kilometer von der bulgarischen Kueste entfernt – also in der Naehe der Hoheitsgewaesser eines NATO-Mitglieds. Der Vorfall wurde zu einem der prominentesten Episoden der juengsten Angriffswelle auf die Zielflotte.

Welle von Angriffen seit Anfang Oktober

Eine massive Serie von Angriffen begann Anfang Oktober, als das der Tuerkei gehoerende Schiff Alfa Watan, das von Aegypten zum rumaenischen Hafen Sulina unterwegs war, sowohl aus der Luft als auch von der See aus mit Drohnen angegriffen wurde. Sechs Tage spaeter, nachts vor der Kueste Bulgariens, wurde ein Angriff auf das Schiff HS Dignity veruebt. Am 15. Oktober wurden vier weitere Handelsschiffe angegriffen. Zwei Chemikalientanker – Wine Trader und Yara J – fingen nach Einschlaegen in der Naehe des Sulina-Kanals, der das Schwarze Meer mit der Donau verbindet, Feuer. Mehrere Angriffe ereigneten sich in der Naehe oder direkt innerhalb der Hoheitsgewaesser von zwei NATO-Laendern – Rumaenien und Bulgarien.

Das Ziel: Ukrainischen Handel ersticken

Schifffahrtsanalysten des auf die Schifffahrtsanalyse spezialisierten Unternehmens Ambrey gaben bekannt, dass russische Truppen Schiffe angreifen, die mit dem ukrainischen Handel in Verbindung stehen. Ihrer Einschaetzung nach ist das Ziel der Operation, den Handel durch ukrainische Haefen zu ersticken, ueber die nahezu das gesamte Getreide des Landes exportiert wird. Die russische Kampagne war eine Antwort auf monatelange ukrainische Angriffe auf Schiffe, die russische Haefen im Schwarzen Meer und im angrenzenden Asowschen Meer nutzen, deren Intensitaet Quellen zufolge im vergangenen Monat stark zugenommen hat. Schifffahrts- und Sicherheitskreise berichten, dass Russland den Einsatz von unbemannten See- und Luftfahrzeugen koordiniert und kuerzlich entwickelte, schnellere und schwerer abfangbare Strahlndrohnen sowie Geraete einsetzt, die bewegliche Ziele trefen koennen. Nach Angaben der ukrainischen Regierung exportierte das Land im September 1,09 Millionen Tonnen Weizen – halb so viel wie im Vorjahreszeitraum (2,05 Millionen Tonnen). Kiew bemueht sich, den Export auf kleinere Haefen an der Donau im an Rumaenien grenzenden Abschnitt umzuleiten, doch Berichten zufolge verfolgen russische Drohnen auch dorthin steuernde Schiffe. Die russische Seite hat nicht alle Angriffe anerkannt; in einigen Faellen erklaerte das russische Verteidigungsministerium jedoch, die angegriffenen Schiffe haetten militaerische Gueter und solche mit dualer Verwendung fuer die ukrainischen Streitkraefte transportiert.

Versicherungspraemien und Ernaehrungssicherheit

Die Lage im Schwarzen Meer veranlasste das Joint War Committee, ein Risikobewertungsgremium fuer den Londoner Versicherungsmarkt, die Liste der „Risikozonen“ auf das gesamte Schwarzmeergebiet auszuweiten, mit Ausnahme der Hoheitsgewaesser der Tuerkei, Rumaeniens, Bulgariens und Georgiens. Steigende Versicherungspraemien trefen den ukrainischen Export: Etwa 90% der wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte des Landes werden ueber diesen Seeweg transportiert. Ukraine liefert rund 15% des weltweiten Maises und etwa 10% der Weizenexporte und ist zudem der groesste SonnenblumenoelExporteur der Welt. Der ukrainische Aussenminister Andrii Sybiha wies darauf hin, dass die Esakalation der Angriffe das Schwarze Meer zu einer gefaehrlichen Zone fuer die Seeschifffahrt macht, waehrend der deutsche Aussenminister Johann Wadephul das Meer als entscheidende Route zur Gewaehrleistung der globalen Ernaehrungssicherheit bezeichnete. Experten zufolge verhaengen die Ukraine und Russland gegenseitig Sanktionen, ohne langfristige Vorteile zu erzielen, wodurch ein grosser Teil des Schwarzen Meeres fuer die Handelsschifffahrt aeusserst gefaehrlich wird.