Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat das vom Verchowna Rada angenommene Gesetz zur Besteuerung digitaler Plattformen, das in der Gesellschaft als „OLX-Steuer“ bezeichnet wird, bis heute nicht unterzeichnet. Wie der Finanzminister Serhij Martschenko in der Sitzung des Finanzausschusses des Parlaments mitteilte, lag die Verzögerung an den Änderungen, die die Abgeordneten in den Text des Dokuments eingebracht hatten und die es im Wesentlichen mit der erweiterten Liste politisch exponierter Personen (PEP) verknüpften. Laut dem Chef des Finanzministeriums machen gerade diese Änderungen die Unterzeichnung des Gesetzes in der aktuellen Fassung unmöglich.
Grund der Verzögerung: Änderungen zu PEP
„Wir haben Änderungen, die in den Gesetzentwurf zu digitalen Plattformen eingebracht wurden und eine Erweiterung des Kreises der Personen vorsehen, die dem Monitoring und der Finanzkontrolle politisch exponierter Personen unterliegen“, erläuterte Martschenko. Das Gesetz, das ursprünglich ausschließlich die Besteuerung von Online-Plattformen betreffen sollte, war somit mit einer separaten Norm zu PEP „verknüpft“. Der Minister betonte, dass für die Unterzeichnung des Dokuments zunächst zusätzliche Änderungen in den Gesetzentwurf zu politisch exponierten Personen eingebracht werden müssten, also die beiden Themen, die in der Rada in einem einzigen Text zusammengefasst worden waren, wieder getrennt werden müssten.
Reaktion Europas und Risiko einer Blockade der Hilfe
Laut Martschenko haben die eingebrachten Änderungen eine negative Reaktion bei den europäischen Kollegen ausgelöst. Derzeit, so betonte er, arbeiten europäische und ukrainische Vertreter gemeinsam an einer Version, wie das Gesetz präzisiert werden kann, um die Einwände zu beheben. Der Minister warnte ausdrücklich vor den Folgen: „Die eingebrachten Änderungen würden, leider, im Falle der Unterzeichnung des Gesetzentwurfs zu digitalen Plattformen faktisch jede Hilfe seitens der Europäischen Union blockieren.“ Auf dem Spiel stehen somit nicht nur die Steuerreform, sondern auch der weitere Zugang zu finanzieller Unterstützung der EU.
Was ist die „OLX-Steuer“ und wozu braucht sie der Staat
Erinnerung: Anfang Juni hatte die Verchowna Rada das viel beachtete Gesetz zur Besteuerung digitaler Plattformen angenommen. Das Dokument sieht eine erhebliche Erhöhung der Abgaben für Bürger vor, die über beliebte Online-Plattformen Waren verkaufen oder Dienstleistungen anbieten. Martschenko erklärte, dass dieser Schritt dazu beitragen werde, die digitale Wirtschaft aus der Schattenwirtschaft zu holen und gleiche Wettbewerbsbedingungen auf dem Markt zu schaffen. Die Neuerung soll dem Staat voraussichtlich rund 14 Mrd. Hrywnja jährlich einbringen; im Kriegsfall sind diese Mittel ausschließlich für die Finanzierung des Sektors Sicherheit und Verteidigung vorgesehen. Zudem ist die Annahme des Gesetzes Teil der offiziellen Verpflichtungen der Ukraine im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds.
Widersprüchliche Angaben
In öffentlichen Erklärungen und Faktencheck-Materialien gibt es einige Unstimmigkeiten, die zu beachten sind. Erstens hinsichtlich der Fristen: Das Gesetz wurde Anfang Juni von der Rada angenommen, doch bis Ende August war es vom Staatsoberhaupt immer noch nicht unterzeichnet worden, was eine Lücke zwischen der formellen Annahme des Dokuments und seinem tatsächlichen Inkrafttreten schafft – faktisch mehrere Monate des „Liegenbleibens“ auf dem Schreibtisch des Präsidenten. Zweitens hinsichtlich des Sinns: Einerseits wird das Gesetz als Quelle von rund 14 Mrd. Hrywnja jährlich und als Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber dem IWF dargestellt, also als wirtschaftlich positiver Schritt; andererseits – so das Finanzministerium – könnte seine aktuelle Fassung mit den PEP-Änderungen die Hilfe der EU blockieren. Diese beiden Bewertungen existieren gleichzeitig in der offiziellen Rhetorik, und ihr Widerspruch erklärt sich gerade dadurch, dass die Steuer- und die PEP-Komponente in einem einzigen Dokument zusammengefasst wurden.
Wann das Gesetz unterzeichnet werden kann
Auf die direkte Frage, wann Selenskyj den Gesetzentwurf denn nun unterzeichnen werde, antwortete Martschenko, dass dies geschehen werde, nachdem der Weg zur Annahme eines alternativen Präzisierungs-Gesetzentwurfs sichtbar sei. Die Unterzeichnung hänge also von einem separaten parlamentarischen Prozess zur Überarbeitung der PEP-Norm ab. Solange dieser Weg nicht festgelegt ist, bleibt das Gesetz zu digitalen Plattformen unterzeichnungsfrei, und die für den Haushalt erwarteten 14 Mrd. Hrywnja jährlich – eingefroren.