Der ukrainische Verteidigungs- und Rüstungskomplex verlagert den Fokus der KI-Entwicklung von der unbemannten Luftfahrt auf Raketensysteme. Dies erklärte Brave1-Geschäftsführer Andrej Hryzetsnjuk in einem Gespräch, das vom Verlag RBC-Ukraine unter Berufung auf Business Insider überliefert wurde. Seinen Worten zufolge wurde KI zunächst vor allem im Segment der Drohnen großflächig eingesetzt, doch für Raketen, die deutlich höhere Reaktions- und Lenkgeschwindigkeiten erfordern, reichten die bisherigen Möglichkeiten der Algorithmen nicht aus. „Künstliche Intelligenz wird zunehmend auch in Raketensysteme integriert“, betonte der Brave1-Chef und fügte hinzu, dass die Entwicklung in diesem Bereich noch nicht die Maßstäbe erreicht habe, die im Sektor der unbemannten Flugzeuge bereits realisiert wurden.
KI geht von Drohnen zu Raketen über
Der Kernsatz der Aussage Hryzetsnjuks besteht darin, dass die Reife der KI-Lösungen in der Raketentechnik der Reife vergleichbarer Lösungen in der unbemannten Luftfahrt noch nachsteht. Während KI in Drohnen bereits „in großem Maßstab“ arbeitet und, nach Einschätzung des Brave1-Leiters, deren aktuelle Verarbeitungsrate für Aufgaben der autonomen Pilotierung ausreicht, benötigen Raketensysteme Algorithmen, die um Größenordnungen schneller Entscheidungen treffen können. Dies bestimmt den Charakter der aktuellen Ingenieursarbeit: Es geht nicht um das Kopieren von Drohnenlösungen, sondern um die Entwicklung spezialisierter KI-Module, die auf die Ballistik und die hohen Fluggeschwindigkeiten einer Rakete ausgelegt sind.
Mehr als 200 Unternehmen in einem gemeinsamen Prozess
Das Maßstab der beteiligten Industrie übersteigt nach Angaben derselben Quelle 200 ukrainische Unternehmen, die KI-basierte Komponenten für Raketen, Drohnen, Radar und andere Systeme entwickeln. Dies zeugt von der Entstehung einer dezentralen Ökosystems, in der KI-Entwicklungen für die Rüstung auf zahlreiche Auftragnehmer verteilt sind und sich nicht in einem einzigen Unternehmen konzentrieren. Dieser Ansatz, der für das ukrainische Verteidigungsmodell der letzten Jahre charakteristisch ist, ermöglicht die parallele Entwicklung mehrerer Richtungen – von der autonomen Lenkung bis zur Verarbeitung von Radardaten.
Kontext: Fire Point und die Reichweite der Schläge
Die Aussagen zur Entwicklung von KI in Raketensystemen kommen vor dem Hintergrund öffentlicher Demonstrationen einheimischer Raketentests. Ende Juli 2026 veröffentlichte Denys Schtilerман von Fire Point ein Foto eines nächtlichen Starts einer ukrainischen Rakete und erklärte, dass die FP-7 ein kostengünstiges Äquivalent des amerikanischen Systems ATACMS mit einer Reichweite von bis zu 200 km darstelle, während die leistungsfähigere Modifikation FP-9 Ziele auf einer Entfernung von 800–850 km treffen könne. Damals wurde auch berichtet, dass der Einsatz der FP-7 im Kampf bereits im laufenden Jahr erfolgen könne und die ballistischen Raketen des Unternehmens in den finalen Phasen der Erprobung stünden. Die Integration von KI in solche Systeme soll, der Logik der Branche folgend, die Präzision und Autonomie der Lenkung auf diesen Distanzen erhöhen.
Eigener Turbojet für das „Flamingo“
Ergänzend zu diesem Gesamtbild wurde Anfang August 2026 bekannt, dass Fire Point einen eigenen Turbojet entwickelt hat, der für die Lenkflugkörper „Flamingo“ verwendet werden kann. Laut der Geschäftsführerin des Unternehmens, Irina Terech, stellte sich die Entwicklung des Triebwerks als eine schwierigere Ingenieursaufgabe heraus als die Entwicklung der Rakete selbst. Die Gesamtheit dieser Fakten – von der KI-Lenkung bis zum eigenen Antriebsaggregat – deutet auf eine Bewegung der ukrainischen Raketensparte hin zu größerer technologischer Autonomie in den Schlüsselkomponenten der Waffensysteme.