Der ukrainische Botschafter bei der Europäischen Union, Taras Kachka, erklärte, dass Kiew aktiv an den Verhandlungsclustern für den Beitritt arbeitet und nicht ausschließt, dass einige davon bereits im nächsten Jahr abgeschlossen werden könnten. Dies teilte er auf der Veranstaltung „Beyond the Headlines. Bewertung des Fortschritts der Ukraine als EU-Beitrittskandidat“ mit, wie RBC-Ukraine berichtet. Nach Einschätzung des Diplomaten werden die Parteien im Jahr 2027 bereits „über abgeschlossene Kapitel“ des Verhandlungsprozesses diskutieren.
Lehren aus den Erfahrungen der Slowakei und Litauens
Kachka betonte, dass sich die Ukraine an den Beispielen jener Staaten orientieren könne, die den Weg in die EU bereits erfolgreich gemeistert haben. Als Vorbild nannte er die Slowakei und Litauen und wies darauf hin, dass die gesamte Arbeit zur Annahme des notwendigen Acquis communautaire — des kollektiven Rechtssystems der EU — in 12 bis 18 Monaten erledigt werden könne. Kiew strebt somit einen zeitlichen Rahmen für die gesetzliche Anpassung an, der mit dem dieser Länder vergleichbar ist.
Bereiche mit hohem Vorbereitungsstand
Der Botschafter hob hervor, dass die Ukraine bereits in einer Reihe von Bereichen nachweisliche Erfolge erzielt habe. Als Beispiele nannte er Lebensmittelsicherheit und Energie. Er erklärte, das Vorbereitungsniveau in diesen Sektoren sei „sehr hoch“ und die Fähigkeit, Entscheidungen auf Basis europäischer Regeln zu treffen, sei „sehr langjährig, etabliert und gut nachvollziehbar“. Dies schaffe seiner Meinung nach eine Grundlage für ein schnelleres Schließen der entsprechenden Cluster.
Chronologie: Von der Cluster-Eröffnung bis zum Verhandlungsabschluss
Zuvor hatte Kachka berichtet, dass Ungarn um einige Tage Zeit gebeten habe, um die Eröffnung der letzten beiden Verhandlungscluster der Ukraine mit der EU abzustimmen, wobei Kiew auf eine positive Entscheidung hofft. Der stellvertretende Premierminister für europäische und euroatlantische Integration, Wsewolod Tschentsow, erklärte seinerseits, dass die Ukraine 2027 mit der vorläufigen Schließung der Cluster beginnen werde. Die EU-Botschafterin in der Ukraine, Katarína Mathernová, merkte an, dass alle sechs Cluster im Rahmen der Beitrittsverhandlungen bis Ende dieses Jahres eröffnet sein werden. Der gesamte Verhandlungsprozess für den EU-Beitritt der Ukraine soll bis Ende 2028 abgeschlossen sein.
Brüsseler Sicht: Eine vorsichtigere Roadmap
In Brüssel ist der Ansatz bezüglich der Zeitpläne jedoch zurückhaltender. Laut Informationen von Politico bereitet die Europäische Kommission eine aktualisierte Beitritts-Roadmap für die Ukraine mit „vorsichtigeren“ und begrenzten Fortschrittszielen bis 2027 vor; ein verbindliches Beitrittsdatum wird im Dokument nicht festgelegt. Brüssel fordert Kiew darin auf, „dringend und deutlich das Tempo der Reformen im Bereich der Rechtsstaatlichkeit zu beschleunigen“, wobei die Erfüllung der Kernanforderungen in diesem Bereich in der ersten Jahreshälfte 2027 für die Eröffnung neuer Verhandlungscluster notwendig sei. Dies erzeugt eine spürbare Diskrepanz zwischen Kiews optimistischen Schätzungen und der konservativeren Planungslogik der Europäischen Kommission.
Kontext: Divergierende Tempi im Vergleich zu Moldau
Die aktualisierte Roadmap der EU-Kommission vermerkt Berichten zufolge auch ein wachsendes Auseinanderklaffen des Fortschrittstempos zwischen der Ukraine und Moldau. Vor diesem Hintergrund bereitet das Europäische Parlament eine Entschließung vor, in der der Rat der EU aufgefordert wird, die Verhandlungscluster für den Beitritt Moldaus zu öffnen, ohne auf die Ukraine zu warten. Die Summe dieser Faktoren bedeutet, dass trotz der Erklärungen Kiews über eine mögliche Schließung der Cluster im Jahr 2027 die tatsächlichen Zeitpläne weitgehend vom Reformtempo und der Konsensfindung innerhalb der EU abhängen werden.