Die Integration der Ukraine in den gemeinsamen europäischen Strommarkt stößt auf ein systemisches Problem, das Kiew bislang nicht lösen konnte: milliardenschwere Schulden auf dem Ausgleichsmarkt. Dies erklärte der Direktor des Zentrums für Energieforschung, Alexander Charchenko, am 8. September 2026 in der YouTube-Podcast-Sendung „Energhobudni“, worauf die Ausgabe von RBC-Ukraine aufmerksam machte. Nach seinen Worten hat die europäische Seite eine klare und im Wesentlichen unveränderte Position bezogen: Zuerst muss das Schuldenproblem gelöst werden, dann die Marktverschmelzung. Solange diese Reihenfolge nicht eingehalten wird, bleibt das Gespräch über einen vollständigen Beitritt, in den Worten Charchenkos selbst, „zu abstrakt“.
Die Position Europas: „Löst die Schulden – und wir nehmen euch auf“
Charchenko betonte, dass die Formulierung der europäischen Seite keine einmalige oder situative ist. „Die Europäer sagen: ‚Löst das Schuldenproblem, dann nehmen wir euch auf‘. Nun, das ist eine fest etablierte Position der europäischen Seite, dass wir einen Markt, der durch Schulden verzerrt ist, nicht beitreten lassen können, da dort nicht gearbeitet werden kann“, zitiert RBC-Ukraine den Experten. Mit anderen Worten betrachten Brüssel und die Regulierungsbehörden der ENTSO-E den ukrainischen Energiemarkt als ein Objekt, das in seinem derzeitigen Zustand den grundlegenden Anforderungen an Transparenz und finanzielle Stabilität, die in der europäischen Energiearchitektur verankert sind, nicht entspricht. Solange der ukrainische Ausgleichsmarkt intransparente Verpflichtungen generiert, bleiben jegliche technischen Protokolle zur Synchronisierung der Netze auf dem Papier.
Der Ausgleichsmarkt als „verkrümmtes“ System
Im Zentrum der Argumentation Charchenkos steht gerade der Ausgleichsmarkt – der Mechanismus, der das sofortige Gleichgewicht zwischen Stromerzeugung und -verbrauch sicherstellt. In der Ukraine, so der Experte, haben sich in diesem Segment Schulden angesammelt, die „die normale Funktion des Systems verzerren und es mit den europäischen Regeln unvereinbar machen“. Im europäischen Modell funktioniert der Ausgleichsmarkt auf der Grundlage einer klaren finanziellen Disziplin: Der Systembetreiber überträgt genaue Daten zu Ungleichgewichten, und die Teilnehmer rechnen innerhalb der festgelegten Fristen ab. In der ukrainischen Praxis wird im Gegenteil ein erheblicher Teil der Verpflichtungen nicht beglichen, was eine „Verkrümmung“ in den Daten erzeugt, auf deren Grundlage die europäischen Betreiber Entscheidungen über Leistungsflüsse treffen müssen. Charchenko erklärte ausdrücklich: „Ohne Lösung des Schuldenproblems ist eine Marktverschmelzung unmöglich. Das sind 100 %“.
Was zu tun ist: konkrete Kennzahlen und „Kaskadierung“
Der Experte betont, dass die bloße Absicht, „die Schulden zu reduzieren“, nicht ausreicht. Der Staat muss konkrete quantitative Kennzahlen festlegen: auf welches genaue Niveau die Verschuldung gesenkt werden muss, innerhalb welcher Fristen und mit welchem Mechanismus. „Im Idealfall sollte dort eine Kaskadierung stattfinden, dort die Lösung der Probleme des Ausgleichsmarktes – die Senkung des Schuldenstands auf so und so, ja?“, sagt Charchenko. Mit „Kaskadierung“ meint er die schrittweise Beseitigung der angesammelten Verpflichtungen nach Stufen: zuerst die am kritischsten, die die Funktion des Systems blockieren, dann die systemischen. Ohne einen solchen schrittweisen Plan, so seine Einschätzung, bleibt das Ziel der Marktvereinigung rein deklarativ und kann von den europäischen Partnern nicht verifiziert werden.
Im weiteren Kontext: Investoren und erneuerbare Energien
Das Schuldenproblem auf dem Ausgleichsmarkt beschränkt sich nicht ausschließlich auf die technische Seite der Integration. Wie zuvor die Präsidentin der Ukrainischen Vereinigung für erneuerbare Energien, Olga Jewstignjewa, feststellte, können systemische Schulden der Ukraine dabei im Wege stehen, in den europäischen Energiemarkt voll einzutreten, und das Land des Zugangs zu Investitionskapital berauben, der genau im Rahmen des gemeinsamen europäischen Rahmens einfließt. Getrennt davon wiesen Branchenanalysten darauf hin, dass Intransparenz und Schuldenlast auf dem Ausgleichsmarkt private Investoren in der Energiebranche abschrecken: Für jeden Akteur, der eine Investition in Erzeugung oder Übertragung in Betracht zieht, bedeutet das Vorhandensein „grauer“ Verpflichtungen im System ein unvorhersehbares Risiko. Somit ist die Schuldenfrage gleichzeitig eine technische Barriere für die Synchronisierung der Netze und ein wirtschaftlicher Faktor, der die Attraktivität des ukrainischen Energiesektors für externes Kapital bestimmt.