Was an einem Tisch als völlig normales Verhalten gilt, kann in einem anderen Land seltsam oder sogar unhöflich wirken. An manchen Orten wird das Essen von Nudeln mit Geräusch gefördert, an anderen sollte man es nicht eilig haben, das letzte Stück von der gemeinsamen Schüssel zu nehmen, und in einigen Kulturen ist es besonders wichtig, wer zuerst zu essen beginnt. Die Redaktion von XAB.info hat eine Auswahl ungewöhnlicher Tischsitten aus acht Ländern der Welt zusammengestellt, die Reisenden nützlich sein und helfen können, peinliche Situationen am fremden Tisch zu vermeiden.
Japan: Schlürfen ist ein Kompliment, Stäbchen im Reis ein Tabu
Wenn Sie in Japan Ramen, Soba oder Udon essen und das charakteristische Schlürfen hören, bedeutet das nicht unbedingt, dass jemand die Etikette vergessen hat. Im Gegenteil: Für Nudeln ist diese Essweise völlig akzeptabel und sogar erwünscht – die japanische Tourismusorganisation betont, dass dies eine weit verbreitete Praxis ist, die, so die Meinung der Einheimischen, die Frische und den Geschmack des Gerichts unterstreicht. Mit den Stäbchen sollte man dagegen vorsichtiger sein. Sie sollten nicht senkrecht in die Reisschüssel gesteckt werden – diese Geste ist mit Begräbnisritualen verbunden und gilt als äußerst ungutes Omen. Auch sollte man Essen nicht direkt von einem Paar Stäbchen auf das andere geben, da diese Geste ebenfalls mit dem Ritual der Einäscherung der Überreste assoziiert wird. Ein weiteres Detail: In Gesellschaft wartet man in der Regel, bis alle Gäste ihre Gerichte erhalten haben, bevor man zu essen beginnt. Und wenn auf der gemeinsamen Schüssel das letzte Stück übrig ist, sollte man höflich zuerst fragen, ob man es nehmen darf.
Südkorea: Der Löffel ist wichtiger als die Stäbchen, und Banchan ist Ihr Baukasten
Die koreanische Küche wird mit Stäbchen in Verbindung gebracht, doch am traditionellen Tisch spielt der Löffel eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Mit ihm isst man Reis und Suppe und rührt die Speisen um bzw. transportiert sie. Auf dem Tisch stehen in der Regel sofort viele kleine Schälchen mit verschiedenen Beilagen – Banchan. Diese kann man nach eigenem Geschmack mit dem Reis kombinieren, sodass dasselbe Abendessen für jeden Gast aus völlig verschiedenen Kombinationen bestehen kann. Das macht das koreanische Essen gleichzeitig zu einem kollektiven und tief persönlichen Erlebnis.
Italien: Morgendlicher Kaffee und der Mythos vom „süßen“ Frühstück
In Italien gibt es eine eigene Kultur des morgendlichen Kaffees. Das offizielle Tourismusportal des Landes beschreibt das traditionelle italienische Frühstück als süß – mit Kaffee und Gebäck. Der Stereotyp, dass Italiener Kaffee nie mit Salzigem kombinieren, ist jedoch eher ein Mythos. In Genua ist es beispielsweise ganz üblich, Focaccia mit Cappuccino oder Kaffee mit Milch zu essen. Reisende sollten sich daher besser an den lokalen Gewohnheiten der jeweiligen Region orientieren und nicht an verallgemeinerten Vorstellungen vom italienischen Tisch.
Georgien: Supra, Tamada und der Rhythmus der Toasts
Das georgische Essen ist nicht einfach nur ein Abendessen, sondern ein volles soziales Ereignis, dessen wichtiger Bestandteil die Supra ist. Am Tisch ist der Tamada anwesend – die Person, die die Toasts spricht und den Rhythmus des Festmahls vorgibt. Den Tamada zu unterbrechen oder demonstrativ eilig zu sein, den Abend zu beenden, kann sich als äußerst unpassend erweisen. Die Toasts sind hier keine Förmlichkeit, sondern Teil der Kultur der Tischgespräche, und ein Gast, der diese Logik nicht versteht, riskiert, gleichgültig oder grob zu wirken.
Indien, Thailand, Frankreich und Spanien: Kleinigkeiten, die entscheiden
In der traditionellen indischen Kultur isst man oft mit den Händen, dabei ist es wichtig, welche genau. Die rechte Hand wird zum Essen verwendet, die linke ist traditionell mit hygienischen Handlungen verbunden, weshalb man beim gemeinsamen Essen nicht mit ihr isst. In Indien gibt es jedoch zahlreiche regionale Traditionen, und die Regeln können je nach Region, Familie und Art des Lokals variieren. In Thailand wird der Gabel oft zusammen mit dem Löffel verwendet, doch das Hauptbesteck ist genau der Löffel, mit dem man die meisten Gerichte isst. Mit der Gabel schiebt man das Essen auf den Löffel, statt es direkt zum Mund zu bringen. In der französischen Kultur legt man das Brot traditionell direkt auf den Tisch und nicht auf den Teller, und das Baguette wird nicht mit dem Messer in Stücke geschnitten – man bricht es mit den Händen ab. In Spanien wird deutlich später zu Abend gegessen, als es viele Touristen gewohnt sind – oft erst nach 21:00 Uhr, sodass ein fast leeres Restaurant in einer kleinen Stadt um sieben Uhr abends noch lange nicht bedeutet, dass es nicht beliebt ist.
Widersprüchliche Angaben
Der auffälligste Widerspruch in den Quellen betrifft das italienische Frühstück. Der verbreitete Stereotyp besagt, dass Italiener grundsätzlich Kaffee nicht mit salzigen Produkten kombinieren und sich ausschließlich auf süßes Gebäck beschränken. Allerdings ist, laut Angaben in einer Veröffentlichung von WAVE (RBC-Ukraine) mit Verweis auf die regionale Praxis, in Genua Focaccia mit Cappuccino ein alltägliches und völlig normales Kombination. Es gibt somit keine einheitlich „richtige“ Antwort: Die Regeln variieren je nach Region, und verallgemeinernde Aussagen über den italienischen Tisch können irreführend sein. Eine ähnliche Einschränkung gilt auch für Indien: Die allgemeinen Regeln (Essen mit der rechten Hand) werden durch zahlreiche lokale Ausnahmen ergänzt, die sich nicht auf einen einheitlichen Kodex reduzieren lassen.
Die Bekanntschaft mit diesen Nuancen erfordert nicht das Auswendiglernen dutzender Regeln, hilft aber, Respekt vor der lokalen Kultur zu zeigen und ein gewöhnliches Abendessen in ein kleines kulturelles Erlebnis zu verwandeln. Wie die Praxis zeigt, entstehen die meisten „Unannehmlichkeiten“ am fremden Tisch nicht durch den Verstoß gegen strenge Normen, sondern durch das Unwissen über den Kontext, in dem diese Normen existieren.