Die Einführung des europäischen Mechanismus zur CO2-Grenzadjustierung (CBAM) wird für die Ukraine zu einer der spürbarsten wirtschaftlichen Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts. Laut den aktualisierten Schätzungen des Analysecenters GMK Center, die auf dem Treffen „CBAM und Dekarbonisierung der Industrie: praktische Fragen und internationale Möglichkeiten“ vorgestellt wurden, könnten die BIP-Verluste der Ukraine infolge der CO2-Grenzabgabe bereits 2026 rund 372 Mio. US-Dollar betragen und bis 2030 auf 1,754 Mrd. US-Dollar steigen. Noch größer, so die Analysten, sind die Exportverluste: Während sie im aktuellen Jahr 2026 auf 1,431 Mrd. US-Dollar geschätzt werden, wird dieser Indikator laut Berechnungen des GMK Center bis 2030 auf 7,248 Mrd. US-Dollar klettern. Zusätzlich riskiert die Ukraine bis 2030, rund 1,348 Mrd. US-Dollar an Steuereinnahmen zu verlieren, und könnte potenzielle Investitionen in Höhe von mehr als 1 Mrd. US-Dollar verlieren.
Metallurgie im Epizentrum: branchenspezifische Risikodetails
Das GMK Center hob gesondert die Risiken für den metallurgischen Komplex hervor, der traditionell zu den wichtigsten Exportsektoren des Landes zählt. Bis 2030 könnten die potenziellen Verluste der Branche infolge des CBAM rund 1,6 Mrd. US-Dollar betragen. Den stärksten Schlag wird voraussichtlich der Segment der Walzprodukte erleiden – 899 Mio. US-Dollar. Für Stahlhalbzeuge werden die Verluste auf etwa 558 Mio. US-Dollar geschätzt, für Roheisen auf 96 Mio. US-Dollar, für Rohre auf 39 Mio. US-Dollar. Wie Branchenspezialisten betonen, liegt der Kern des Problems weniger in der CO2-Gebühr selbst als in deren systemischer Wirkung: Die steigenden Kosten und der Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit ukrainischer Produkte führen zum Verlust von Exportmärkten, zum Abfluss von Investitionen und zur Schrumpfung der Steuerbasis.
Die Suche nach Lösungen: Kompensationsmechanismen und ein Sonderregime
Ksenia Oryntschak, Geschäftsführerin der Nationalen Assoziation der Bergbauindustrie der Ukraine (NADPU), die auf der Branchentagung sprach, wies darauf hin, dass die zentrale Frage heute die Einigung auf ein Sonderregime für die Ukraine für den Kriegs- und den nachkriegsstabilisierungszeitraum ist. Zu den diskutierten Instrumenten zählte sie einen Mechanismus, bei dem die von ukrainischen Unternehmen im Rahmen des CBAM gezahlten Mittel direkt in die Modernisierung der Produktion fließen würden – insbesondere in den Kauf europäischer Ausrüstung und Technologien zur Dekarbonisierung. Erwogen wird auch die Variante eines separaten ukrainischen Mechanismus: eine freiwillige CO2-Grenzabgabe mit anschließender Rückzahlung der Mittel an die Hersteller zur Finanzierung von Dekarbonisierungsprojekten. Ohne ein solches Regime, so die Einschätzung von Oryntschak, drohe das CBAM nicht nur zum Instrument der Dekarbonisierung, sondern auch zu einem zusätzlichen Faktor der Deindustrialisierung der Ukraine zu werden.
Kontext: Wie das CBAM in der Ukraine in Kraft trat und warum es keine Ausnahme gibt
Der Mechanismus zur CO2-Grenzadjustierung trat in der Ukraine am 1. Januar 2026 in Kraft. Es handelt sich um eine CO2-Grenzabgabe auf den Import von Waren wie Stahl, Zement, Düngemittel, Strom, Aluminium und Wasserstoff in die EU. Branchenspezialisten und Analysten hatten wiederholt vor den negativen Folgen der Einführung des CBAM für die Industrie und die Gesamtwirtschaft des Staates gewarnt. Dabei, wie die NADPU anmerkt, hat die Europäische Kommission für die Ukraine keine Ausnahme von der Anwendung des Mechanismus vorgesehen, obwohl das Land formal aufgrund höherer Gewalt – dem großflächigen Krieg – Anspruch darauf hätte. Genau deshalb bleiben laut Oryntschak die Position der Europäischen Kommission und die Bereitschaft der Seiten, ein Sonderregime zu vereinbaren, die zentrale Frage der Verhandlungen.