Millionen Ukrainer leben seit mehreren Jahren in einem Zustand chronisch fragmentierten Schlafs: nächtliche Luftalarme, Beschuss und die Notwendigkeit, jederzeit zur Evakuierung bereit zu sein, verwandeln die Nacht in eine Abfolge kurzer Wachphasen. Am Morgen geht der Mensch trotzdem zur Arbeit, zur Schule, erledigt häusliche Pflichten – und der Körper häuft einen „Schlafdefizit“ an, der laut Fachleuten vor allem das Herz-Kreislauf-System belastet. Die Kandidatin der medizinischen Wissenschaften, Kardiologin, Spezialistin für Ultraschalldiagnostik und Endokrinologin Natalja Stolar-Kapschitar hat im Blitzinterview mit dem Lifestyle-Projekt Wave (RBC-Ukraine) im Detail erläutert, was bei regelmäßigem Schlafmangel mit Herz und Gefäßen geschieht und welche Maßnahmen tatsächlich helfen, sich ohne Schaden zu erholen.

Der Körper nimmt Schlaflosigkeit als chronischen Stress wahr

Laut Stolar-Kapschitar aktivieren fehlender erholsamer Schlaf dieselben Mechanismen im Körper wie akuter Stress: Der Cortisolspiegel steigt, der Blutdruck erhöht sich, der Puls beschleunigt sich, das Herz beginnt in einem angespannteren Modus zu arbeiten. Schon nach einer einzigen schlaflosen Nacht entspannen sich die Gefäße schlechter und verlieren an Elastizität – das wird durch Daten der Ultraschalldiagnostik bestätigt. Wenn sich solche Episoden systematisch wiederholen, wie es für Bewohner von Gebieten typisch ist, die regelmäßig beschossen werden, wird die Belastung des Herz-Kreislauf-Systems kumulativ.

Langfristige Risiken: von Bluthochdruck bis Herzinfarkt

Die Kardiologin bestätigte ausdrücklich den Zusammenhang zwischen regelmäßigem Schlafmangel und einem erhöhten Risiko für arterielle Hypertonie, Herzrhythmusstörungen sowie langfristig für Herzinfarkt und Schlaganfall. Neben dem Herz leidet auch der Stoffwechsel: Die Insulinresistenz verschlechtert sich, die Werte von Blutzucker und Cholesterin verändern sich. Chronischer Schlafmangel wirkt somit wie ein multifaktorieller Auslöser, der gleichzeitig Herz-Kreislauf- und Endokrinssystem belastet.

Welche Symptome nach einer schlaflosen Nacht normal sind und welche Anlass zur Sorge geben

Müdigkeit, Schläfrigkeit, leichte Reizbarkeit und ein mäßig beschleunigter Puls am Tag nach einer unterbrochenen Nacht bezeichnet die Ärztin als erwartbare Reaktionen. Schmerzen oder Druck in der Brust, ausgeprägtes Atemnotgefühl, Schwindel, das Gefühl von Herzrhythmusstörungen und starkes Herzstolpern sind jedoch Warnsignale. In solchen Fällen, insbesondere bei bereits bestehender Hypertonie oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, muss rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden, anstatt es „bis zum nächsten Tag durchzustehen“.

Wie man sich sicher erholt: Schlaf, Licht, Bewegung und Koffein

Als optimales Instrument zur Erholung nach einer unterbrochenen Nacht nennt die Kardiologin einen kurzen Mittagsschlaf von 15–20 Minuten. Schläft man 30–40 Minuten oder länger, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, aufgrund des Erwachens in der Tiefschlafphase noch erschöpfter aufzuwachen; wenn mehr Zeit zur Verfügung steht, sollte man sich auf etwa 1,5 Stunden orientieren – das entspricht in etwa einem vollständigen Schlafzyklus. Zusätzlich helfen Tageslicht, 20–30 Minuten moderate körperliche Aktivität (Spaziergang, leichte Gymnastik) und das Waschen mit kühlem Wasser. Koffein ist in moderaten Dosen zulässig: Für einen gesunden Erwachsenen liegt der Richtwert bei maximal 400 mg pro Tag (je nach Stärke etwa 3–4 Tassen Kaffee), nach einer schlaflosen Nacht sollte man besser auf ein bis zwei Tassen auf einmal beschränken, da das Herz-Kreislauf-System bereits mit zusätzlicher Belastung arbeitet.

Warum Energy-Drinks nach einer schlaflosen Nacht eine schlechte Idee sind

Stolar-Kapschitar rät dringend davon ab, Energy-Drinks als „Rettungsring“ zu verwenden. Sie enthalten hohe Dosen Koffein, Zucker und anderer anregender Bestandteile, die in Kombination mit Schlafmangel Tachykardie verstärken, Arrhythmien auslösen oder starke Blutdruckschwankungen verursachen können. Besonders gefährlich ist die Kombination aus Energy-Drink und körperlicher Belastung: Sowohl Stimulanzien als auch Sport erhöhen gleichzeitig die Belastung des Herzens, und der Schlafmangel fügt einen weiteren Stressfaktor hinzu. Die Ärztin betont: Kaffee und Energy-Drinks maskieren lediglich die Müdigkeit, beseitigen aber nicht die Folgen des Schlafmangels und ersetzen keinen vollständigen Schlaf.

Praktische Empfehlungen für alle, die wegen Alarmen regelmäßig zu wenig schlafen

Wenn die Nacht durch einen Alarm unterbrochen wurde, rät die Kardiologin, im Laufe des Tages die Möglichkeit für einen kurzen Schlaf (15–20 Minuten) zu finden, morgens so lange wie möglich im Tageslicht zu bleiben und 20–30 Minuten moderate Aktivität in den Tagesablauf einzubauen. Schlaf systematisch durch Kaffee oder Energy-Drinks zu ersetzen, sollte man nicht. Wenn Schlafprobleme aufgrund nächtlicher Alarme zur Regel werden und Müdigkeit, beschleunigter Herzschlag oder erhöhter Blutdruck von Nacht zu Nacht wiederkehren, muss man einen Arzt aufsuchen und sich einer Untersuchung des Herz-Kreislauf-Systems unterziehen. Wie Stolar-Kapschitar anmerkt, helfen diese Methoden, die Leistungsfähigkeit vorübergehend zu steigern, sie nehmen aber die Notwendigkeit eines vollständigen Schlafs nicht weg – und die Aufgabe von Gesellschaft und Staat besteht im Wesentlichen darin, den Menschen die Möglichkeit zu geben, ruhig zu schlafen.